Völkische Freimaurerei

Blog Ver Sacrum

1. Oktober 2021

Völkische Freimaurerei

Beitrag zum Zoom-Gästeabend am 19. April 2021
Hans-Hermann Höhmann

Ihrer Utopie nach waren die Freimaurer kosmopolitisch eingestellt. Sie verstanden sich als Weltbund der Brüderlichkeit, als „moralische Internationale“. Dies gilt mit unterschiedlicher Akzentuierung für alle frühen Ausprägungen der Freimaurerei. Die ersten deutschen Freimaurer waren anglophil und frankophon, und auch im „klassischen Freimaurerdiskurs“ der deutschen Spätaufklärung stehen kosmopolitische Anschauungen im Vordergrund: „Der Freimaurer als solcher ist als Bürger ein Weltbürger“ rief Christoph Martin Wieland in seinem Vortrag „Über das Fortleben im Andenken der Nachwelt“ seinen Brüdern in Weimar zu. Lessing wünschte sich in seiner Schrift „Ernst und Falk. Gespräche für Freimäurer“, dass es in jedem Land Männer gäbe, „die über die Vorurteile der Völkerschaft hinweg wären und genau wüssten, wo Patriotismus Tugend zu sein aufhöret“. Und in einer Logenrede des Berliner Freimaurers Christian Karl Süßmilch hieß es: „Ehrwürdig in der größten aller Gesellschaften, der Welt, leitet den wahren Maurer der Wunsch, der Welt tugendhafte Bürger zu erziehen“. 

Die Rhetorik dieser kosmopolitischen Ausrichtung der deutschen Freimaurerei hielt – wenn auch nicht ohne Unterbrechungen und Einschränkungen – bis in die Jahre vor dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, ja teilweise noch darüber hinaus, an. 

„Nicht enge Grenzen sind’s. O, nein!
Die ganze Erde soll es sein“,

so hieß es noch 1866 in einer freimaurerischen Umdichtung des Nationallieds von Ernst Moritz Arndt „Was ist des Deutschen Vaterland?“

In der Realität freilich identifizierten sich die deutschen – wie generell die europäischen – Freimaurer mehr und mehr mit den Strukturen und Interessen des sich im neunzehnten Jahrhundert entwickelnden und etablierenden bürgerlichen Nationalstaats. Auch dieser Nationalstaat hatte etwas mit der freimaurerischen Utopie zu tun. Denn er bot die organisatorische Klammer und das motivierende Pathos für die Umsetzung von Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit, woraus sich ja auch die Beteiligung vieler Freimaurer an der europäischen Demokratie- und Parlamentsgeschichte erklärt. 

Doch als sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Spannungen zwischen den europäischen Nationalstaaten verschärften, als es 1864, 1866 und 1870/71 gar zu Kriegen kam, an denen Freimaurer – ihrer sozialen Stellung nach – oft in Offiziersrängen beteiligt waren, nahm der Grad der Identifizierung mit dem Nationalstaat auch im Sinne einer sich von anderen Nationen abgrenzenden, ja diesen gegenüber aggressiven Einstellung beträchtlich zu. 

Wiederum ins Poetische gewendet, hieß es jetzt:

„Als letztes Ziel der Weltenbund
der Brüder auf dem Erdenrund,
doch jetzt schon als des Maurers Band
die Liebe zu dem Vaterland.“

Bekenntnisse zu Nation und Welt, patriotische und kosmopolitische Einstellungen blieben auch im weiteren Verlauf des 19. und im frühen 20. Jahrhundert bestehen. Die Gewichte auf dem Spannungsbogen zwischen „Vaterland“ und „Weltenbund“ verschoben sich jedoch immer mehr ins Nationale, wobei zunehmend die Auffassung vertreten wurde, gerade das als für das eigene Vaterland typisch Erachtete sei Inbegriff einer übernational anzustrebenden zukünftigen Humanität. 

Das Fatale an der in Europa vor dem Ersten Weltkrieg weitverbreiteten Sichtweise, die eigene Nation als Inbegriff einer weltweit zu verwirklichenden Humanität zu begreifen, lag nun insbesondere darin, dass der Begriff einer übergeordneten Humanität als kritischer Maßstab für das eigene nationale Handeln außer Kraft gesetzt worden war. War das Nationale identisch mit dem Humanen, so war vom Humanen her das Nationale nicht mehr kritisierbar und korrigierbar. Im Gegenteil: Im faktischen Wahrnehmen und ideologischen Rechtfertigen nationaler Interessen erfüllte sich geradezu die weltbürgerliche Mission der Freimaurerei. 

Bei dieser Ausgangslage hinsichtlich der politischen Einstellungen und ideologischen Grundmuster der Freimaurer als Teil der bürgerlichen Eliten in Europa – und insbesondere in Deutschland und Frankreich – könnte nun gleich geschlossen werden, dass die Freimaurer Europas seit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts immer und insgesamt kräftig daran mitwirkten, dass der europäische Friede verloren ging. 

So einseitig darf freilich nicht gewertet werden. 

Es gab – insbesondere bei den „humanitären“ und reformistischen deutschen Großlogen (letztere repräsentiert durch den „Freimaurerbund zur Aufgehenden Sonne“ und (ab 1930) die „Symbolische Großloge von Deutschland“) – Friedensinitiativen, und es gab das friedens- und freiheitsorientierte Wirken einzelner Freimaurer, deren Zahl weit größer ist als die Zahl der von mir jetzt genannten Beispiele: Gustav Stresemann, Wilhelm Leuschner, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky. 

Im Gegensatz zur pazifistischen Einstellung der „Großloge von Wien“ war nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland allerdings ein Trend vorherrschend, der die Freimaurerei immer stärker mit den Hauptlinien national-völkischer Politik identifizierte, ja, der Freimaurerei eine tonangebende und führende Rolle dabei zuschrieb. Eine pazifistische, auf Versöhnung und internationale Kooperation angelegte Haltung vertraten als Großlogen nur die als „irregulär“ erachteten Reformgroßlogen „Freimaurerbund zur Aufgehenden Sonne“ (FzaS) und „Symbolische Großloge von Deutschland“. 

Insgesamt ist wohl festzustellen, dass Friedensbemühungen, insbesondere Bemühungen um Annäherungen im deutsch-französischen Verhältnis, trotz der erwähnten Ausnahmestellung des FzaS und (später) der Symbolischen Großloge mehr von französischer als von deutscher Seite ausgingen. Sie fanden nur beim humanitären und Reformflügel der deutschen Freimaurerei Resonanz und stießen beim innerhalb des Bundes dominierenden Sektor der altpreußischen Großlogen weitgehend auf Ablehnung. 

Die nachfolgenden Feststellungen bedürfen einer Vorbemerkung. Sie implizieren für einen großen Teil der deutschen Freimaurerei, insbesondere die „altpreußische“, erhebliche Abweichungen von dem, was durch die Geschichte der Freimaurerei hindurch das freimaurische Ideal der Weltoffenheit und Toleranz genannt worden ist. Diese Abweichungen müssen im Rahmen einer Geschichte – einer „ganzen“ Geschichte – der deutschen Freimaurerei im zwanzigsten Jahrhundert sichtbar gemacht werden. Dabei sind Fakten quellenmäßig zu belegen, Aussagen haben sich um Objektivität zu bemühen, Differenzierungen sind vorzunehmen. Die Objektivität des Betrachters und sein Bemühen um ein „Verständnis aus der Zeit heraus“ verlangt allerdings keineswegs den Verzicht auf moralisch begründete Urteile über das Gewesene. Gewiss gilt für den Betrachter immer ein „Ich weiß nicht, wie ich mich in der damaligen Situation verhalten hätte“. Doch derartige Überlegungen sollten verhaltenskritischen historischen Reflexionen nicht im Wege stehen. Einmal bedeutet, nicht zu wissen, wie man sich selbst verhalten hätte, keineswegs, dass man nicht wüsste, wie man sich hätte verhalten sollen. Zum anderen haben sich andere Teile der deutschen Gesellschaft und auch der deutschen Freimaurerei anders, nämlich ablehnend gegenüber aggressiven, judenfeindlichen und zuletzt völkisch-nazistischen Strömungen verhalten. Und schließlich zeigen auch die Beispiele einer Reihe anderer, ebenfalls von Kriegsfolgen und Weltwirtschaftkrise betroffenen europäischen Länder, dass Krisenüberwindung ohne Verzicht auf Demokratie, gesellschaftlichen Pluralismus und Friedensorientierung möglich war – und wohl auch in Deutschland möglich gewesen wäre, wenn das deutsche Bürgertum über Kraft und Konzeptionen verfügt hätte, dies wirklich zu wollen.  

Die Gründe für die verbreitete Abwehrhaltung gegenüber friedens- und versöhnungspolitischen Aktivitäten innerhalb der deutschen Freimaurerei sind leicht zu identifizieren. Sie hängen zunächst und vor allem mit dem Ausgang des Ersten Weltkriegs zusammen, der von der Mehrheit der deutschen Freimaurer – wie von der Mehrheit des deutschen Bürgertums insgesamt – als nationale Schande empfunden wurde. 

Sehr wesentlich hingen die Positionen der deutschen Freimaurer aber auch mit ihrem Platz in der deutschen Gesellschaft und mit der politischen Kultur dieser Gesellschaft selbst zusammen. 

Wenn auch festgestellt werden kann, dass „Bürgerlichkeit“ weltweit ein Grundzug der Freimaurer gewesen ist, so unterschieden sich doch die bürgerlichen Gesellschaften Europas und Nordamerikas, in denen die Freimaurerei als Assoziationsform der Geselligkeit weithin vertreten war, in ihrem gesellschaftlichen Selbstverständnis nicht unwesentlich voneinander. Maßgebend war dabei vor allem der Grad, in welchem in ihnen die „westlichen“ Werte von Demokratie und gesellschaftlichem Pluralismus vertreten waren, und hieran gemessen war die deutsche Gesellschaft weniger „westlich“ geprägt als die Gesellschaften Frankreichs, Englands oder der Vereinigten Staaten. Der Historiker Heinrich August Winkler hat das Verhältnis Deutschlands zum Westen in seiner Berliner Abschiedsvorlesung im Februar 2007 folgendermaßen zusammengefasst: „In keinem Land des Okzidents stießen die demokratischen Ideen des Westens, und das heißt auch: der europäischen Aufklärung, auf so hartnäckigen Widerstand wie in Deutschland. Es bedurfte der Erfahrung der nationalsozialistischen Diktatur, des Zweiten Weltkriegs, des Holocaust und des ‚Zusammenbruchs’ von 1945, der zweiten Niederlage Deutschlands im 20. Jahrhundert, um den antiwestlichen Vorurteilen von Eliten und breiten Schichten der Bevölkerung allmählich den Boden zu entziehen.“

Die drei folgenden Beispiele
(Erster Weltkrieg, Antisemitismus und Nationalsozialismus) sollen jeweils spezifische Facetten freimaurerischer Identifizierung mit den Hauptlinien national-völkischer Politik verdeutlichen. Sie sind begrenzt, reichen aber aus, um verhängnisvolle Tendenzen zu veranschaulichen. Die Positionen, die dabei innerhalb der deutschen Freimaurerei vertreten wurden, waren nicht einheitlich. Jedoch wurde im Verlauf der 1920er Jahre deutlich, dass die völkischen Tendenzen bei den „altpreußischen“ Großlogen besonders ausgeprägt waren, insbesondere seitdem diese mit dem 1922 erfolgten Austritt aus dem Deutschen Großlogenbund eindeutige Signale in Richtung nationale Orientierung, Ablehnung der Weimarer Republik, Absage an alle pazifistischen Tendenzen und Trennung vom internationalen Freimaurerkonsens der „Alten Pflichten“ gesetzt hatten. 

Dass die völkisch-nationalistische Haltung insbesondere der „altpreußischen“ Freimaurerei keineswegs eine taktische Orientierung zur Überlebenssicherung im „Dritten Reich“ gewesen ist – wie später gern behauptet wurde –, sondern eine langfristige konzeptionelle Grundhaltung, bringt auch der „Johannisfestgruß 1930“ der „Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland“ zum Ausdruck, in dem es u.a. heißt:

„Wir jedenfalls weisen jeden Humanitätsdusel in jeglicher Form und unter jeglichem Namen, wie Internationalismus, Pazifismus oder wie sonst immer, weit von uns, nicht etwa, weil es unerreichbare Ideale, sondern weil es überhaupt keine erstrebenswerten Ideale sind. Ihre tatsächliche Erreichung würde nicht zum Aufstieg der Menschheit führen, sondern zu ihrem Verderben ausschlagen, weil diese ‚Ideale’ naturwidrig und gegen jede menschliche und göttliche Ordnung sind.“ 

Auch hier wird deutlich, wie sehr der Denk- und Wahrnehmungsrahmen großer Teile des deutschen Bürgertums – und als Sektor davon der Freimaurerei – die Ausbreitung des Nationalsozialismus begünstigte und wie sehr er verhinderte, diese „Bewegung“ rechtzeitig als das zu erkennen, was sie war: ein tödlicher Anschlag auf Frieden, Freiheit und Demokratie. 

Freilich war, was in diesem Kontext nur gestreift werden kann, Demokratie auch kein Leitbild für große Teile der deutschen Freimaurer. Die „nationale“ Freimaurerei stand der Weimarer Republik weitgehend ablehnend gegenüber, verunglimpfte ihre Farben als „schwarz, rot, gelb“, verspottete den „Parteienstreit“ und sehnte sich nach Volksgesamtheit und Führerprinzip. 

Zum ersten Stichwort Erster Weltkrieg

Als patriotische Bürger identifizierten sich die meisten deutschen Freimaurer unmittelbar nach Kriegsausbruch sowohl mit der vorherrschenden Charakterisierung des Krieges („Ein furchtbarer, auf die Vernichtung unseres teuren Vaterlandes gerichteter Kampf ist uns aufgedrängt worden“), als auch mit der begeisterten Stimmung weiter Kreise der Bevölkerung. Die „Grosse National-Mutterloge ‚Zu den drei Weltkugeln’“ rief für den 15. August 1914 eine außerordentliche Versammlung der Großloge ein mit dem einzigen Tagesordnungspunkt „Bewilligung von Mitteln zur Unterstützung von Kriegsteilnehmern und deren Familien“. Am 22. August fand eine „gemeinsame patriotische Arbeit“ der Berliner 3WK-Logen statt. Großmeister Wegner und Großredner Kleiber hielten die Ansprachen, die die Frontstellungen des Krieges klären sollten: Auf der einen Seite standen die Deutschen, deren „kaiserlicher Herr alles versucht hat, unserem Volk einen ehrenhaften Frieden zu erhalten“, auf der anderen Seite standen Russland („Ansturm halbasiatischer Barbarenhorden“), Frankreich („Zorn und Haß und Rachedurst wegen seiner Niederlage in einem Krieg, den einst gallischer Übermut in frevelhafter Leichtfertigkeit gegen uns vom Zaune brach“) sowie das Deutschland vordem doch so nahestehende England als der eigentliche Drahtzieher des Krieges: „Daß wir so viele Feinde haben in der Welt, das ist zum weitaus größten Teil die Folge ihrer systematischen Verhetzung durch unsere lieben Vettern in England“. Derartige Positionen nationalen Aufbegehrens, die auch seitens „humanitärer“ Großlogen vertreten wurden und die keinen Unterschied zu den gemeinhin im deutschen Bürgertum vertretenen Auffassungen erkennen ließen, zogen sich durch den Ersten Weltkrieg hindurch bis in die Nachkriegszeit, in der sie dann – verstärkt durch den in der Tat verhängnisvollen Frieden von Versailles („Wir werden jahrhundertelang den Schand- und Schmachvertrag von Versailles nicht vergessen“, hieß es z.B. in der Zeitschrift „Am rauhen Stein“ ) – an Intensität und bald auch an antisemitischer Einfärbung gewannen. 

Zum zweiten Stichwort Antisemitismus

Als Mitte der zwanziger Jahre rassistische Ideen im deutschen Bürgertum an Boden gewannen, schrieb der Radeberger Freimaurer Paul Wagler: „Wer den ewigen inneren Kern der Seele des deutschen Volkes als die Freimaurernatur des Geistes erlebt und die deutsche Entstehung der Freimaurerei erkannt hat, der muss auch Freimaurerei als germanischen Rassegeist empfinden.“ 

Es ist interessant, zum Stichwort Antisemitismus die Diskussionsbeiträge durchzugehen, die 1924 in der „Großen Loge von Preußen genannt zur Freundschaft“ vorgetragen wurden. Auf Antrag einer Münchener von Loge, der vor allem von August Horneffer, dem Großsekretär der Großloge, propagiert und unterstützt worden war und dann Zustimmung und Umsetzung in der Großloge fand, sollte für die Mitgliedschaft zum „christlichen Prinzip“ zurückgekehrt, d.h. jüdischen Bürgern die Mitgliedschaft zukünftig verwehrt werden. 

Der antisemitische Hintergrund, der im Juni 1924 in Kraft gesetzten Satzungsänderung wird von August Horneffer neun Jahre später bestätigt: Der Beschluss habe darauf abgezielt, 

„daß unsere Großloge ein ganz enger, vertrauter Kreis von unbedingt heimattreuen und gottestreuen Männern sein soll, daher wir volks- und artfremde Elemente nicht brauchen können“. 

Doch auch hier gab es Gegenentwicklungen, für die das folgende Beispiel stehen mag: Als die Große Loge von Preußen zum christlichen Prinzip zurückkehrt war, mussten auch die jüdischen Brüder der Kasseler Royal-York-Loge „Zur Eintracht und Standhaftigkeit“ den Freimaurerbund verlassen. Eine Reihe tolerant orientierter nicht-jüdischer Brüder verließ darauf hin unter Leitung des Bauunternehmers und Kasseler Stadtrats Rudolf Friebe mit den jüdischen Brüdern die Loge. Sie schlossen sich der Leipziger Loge „Apollo“ an, die – unter der Obhut der (humanitären) Großen Loge von Sachsen – die Deputationsloge „Herder zu den alten Pflichten“ in Kassel gründete, die dann bald als Mitgliedsloge der sächsischen Großloge selbstständig wurde. 

Antisemitismus (auch rassisch gefärbter) war nun sicher eine Haltung, die sich in großen Teilen des national-konservativen deutschen Bürgertums Ende der zwanziger Jahre verstärkte. Dass er in der Freimaurerei an Raum gewann, vergrößerte die Distanz des Bundes zu seinem kosmopolitischen Ursprung. Es verwundert dann auch nicht, dass seitens der Leitungen altpreußischer Großlogen schon bald nach der nationalsozialistischen Machtübernahme Zustimmung zur Rassenlehre der NSDAP bekundet wurde. So schrieb der als Autor und Redner im altpreußischen Sektor der deutschen Freimaurerei weithin bekannte Stephan Kekulé von Stradonitz im Mai 1933 im „Ordensblatt“: 

„Der ‚nationale Christliche Orden Friedrich der Große’, in den unsere bisherige ‚Große National=Mutterloge Zu den drei Weltkugeln’ sich in der Osterwoche 1933 umwandelte, wird die Mitgliedschaft in Zukunft an die Bedingung der Deutschstämmigkeit der ‚Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei’ knüpfen, womit das Erfordernis des alten, bisherigen Aufnahme-Paragraphen, nämlich dasjenige des Bekenntnis-Christentums, eine wesentliche und grundlegende Veränderung im Sinne einer Verschärfung erfahren hat.“ 

Die 1933 eingeführte neue Form des Brauchtums der Großen Landesloge (jetzt „Deutsch-Christlicher Orden“) sah u.a. folgende „neu eingefügte“ Frage an den Kandidaten vor: 

„Sind Sie arischer Abkunft?“ 

Teile des Rituals wurden durch Elemente der arischen Göttersage ersetzt, und

§ 4 der neuen Ordensregel erhielt die Fassung: „Aus der deutschen und christlichen Wesensart des Ordens folgt, daß nur Deutsche arischer Abstammung, die christlich getauft sind, Mitglieder werden können“.

Auch diese Regelung entsprang nicht der Absicht, sich unter aktuellem politischem Druck opportunistisch anzupassen. Bereits 1926 hatte es im „Johannisfestgruß“ der Großen Landesloge geheißen: 

„Die Gemeinsamkeit des Schöpfers beseitigt … nicht die Unterschiede zwischen Rassen, Völkern und Individuen, Unterschiede, die in der Geschichte eine viel zu große und entscheidende Rolle gespielt haben, als dass sie unbeachtet bleiben könnten. Die Verkennung und Unterschätzung dieser Unterschiede, die verhängnisvolle, zwar aus reinsten Beweggründen, aber aus physiologischer und psychologischer Unwissenheit geborene Humanitätsschwärmerei hat zu einer Vermischung und Entartung aller Kulturen, Kunstrichtungen, Rassen und Völker, zu einer Sintflut geführt, die alles in früherer Reinkultur Veredelte und Hochwertige ersticken zu wollen droht. Diesen trüben, schlammigen Fluten sucht der Orden, der von jeher bemüht war, höchste Veredelung durch sorgsamste Auslese und Reinerhaltung seines Bestandes zu erreichen, einen Damm entgegenzusetzen.“ 

„Entartung“, „Auslese“, „Reinerhaltung“ – hier scheint ein Vokabular auf, das später im „Wörterbuch des Unmenschen“ (Dolf Sternberger) eine verhängnisvolle Rolle spielen sollte.

Es sei jedoch noch einmal betont, dass sich in der deutschen Freimaurerei auch Stimmen vernehmen ließen, die sich deutlich vom Mainstream der Meinungen abhoben. So hieß es in einem Artikel der unabhängigen Freimaurerzeitung „Auf der Warte“ im Jahre 1931: „Der deutsche Tempel, wie ich ihn auffasse, schließt den deutschen Juden nicht aus. 

Zum dritten Stichwort Nationalsozialismus

Schon 1931 hatte das Höchste Ordenskapitel der Großen Landesloge (freilich ohne Erfolg) „um eine Unterredung mit Hitler zwecks Verständigung nachgesucht“. 1932 – mithin gleichfalls vor allen durch politischen Druck manifest gewordenen Anpassungszwängen – hatte ein so prominenter deutscher Freimaurer wie August Horneffer unter Berufung auf das „wundervoll anschauliche Lebensbuch Hitlers“ vier Aspekte der NS-Bewegung aus freimaurerischer Sicht ausdrücklich begrüßt – den Willen zur Erneuerung und Wiedergeburt, den Willen zum Bauen, den Willen zur Überwindung des Parteiwesens und den Willen zur Gefolgschaft – und von der NSDAP unter Bezug auf Guido von Lists Armanenlehre gefordert, sich durch Aufbau eines leitenden inneren Ordens eine bessere Organisation zu verschaffen. Auch zu den Grundlagen der Freimaurerei würden „Ein- und Unterordnung“ gehören, und nur eine „verwirrte Freimaurerei wie z.B. die italienische habe den Liberalismus zum Prinzip erhoben und sich aus diesem Prinzip heraus Mussolini widersetzt.“. Gewiss, so merkt Horneffer zu Hitler an, seien „alle seine Gedanken schon früher gedacht und ausgesprochen worden, und viele seiner Anhänger und Gegner gebildeter, vielleicht auch klüger als er“, um dann festzustellen: „Aber er ist der gewaltige Motor, der Vulkan, der aus der Tiefe seines urdeutschen und urkräftigen Wesens die Gedanken oder richtiger die Forderungen herausschleudert, die er nicht aus Büchern, sondern aus dem Leben geschöpft hat.“ Für sich und viele andere altpreußische Freimaurer identifiziert sich Horneffer ein Jahr später mit den von Hitler begeisterten deutschen Jugendlichen (er nennt als Beispiel Horst Wessel und weist stolz darauf hin, „dass der Vater dieses jungen Helden ein altpreußischer Freimaurer war“) und bekennt:

„Unser Herz ist ihnen viel näher als sie ahnen, unser Herz hat die letzten Monate mit vollen Schlägen miterlebt und hat dem genialen Wecker und Erwecker unseres Volkes zugejubelt, – trotz des Schmerzes und der Enttäuschung über die Versuche, uns gleichsam abzuschütteln, die Mitglieder der Deutsch-christlichen Orden gleichsam auszuschließen aus dem Erlebnis unseres Volkes. Ach, man kann uns nicht abschütteln, weil wir mit ihnen eins sind, weil unser Blut durch ihre Adern rinnt, weil unser Same in ihnen aufgegangen ist.“

Nationalsozialismus als „Same“ altpreußischer Freimaurerei – wozu hätten sich große Teile der deutschen Freimaurerei wohl noch hinreißen lassen, wenn das beklagte „Abschütteln“ und „Ausschließen“ seitens der NSDAP und der von ihr kontrollierten staatlichen Behörden im Jahre 1935 nicht stattgefunden hätten?

Die zuvor dokumentierte Sichtweise Horneffers und anderer führender Freimaurer der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts war nicht das Resultat jäh erzwungener Anpassung und „Tarnung“. Sie hat als konzeptionelle Grundlage auch die fortschreitende Orientierung an der zunehmend beschworenen „stolzen, hohen Zeit arischer Kultur“, an Autoren wie John Gorsleben, Herman Wirth und – wie bereits zitert – Guido von List, Ideengebern von Hitler und anderen Nationalsozialisten, die bereits vor 1933 zunehmend in der Zeitschrift der „Großen Loge von Preußen“ mit großer Zustimmung referiert werden. 

Rückschauend auf die zwanziger Jahre stellte Horneffer fest (und kein sorgfältiger Leser wird widersprechen): 

„Den Lesern unserer Monatsschrift brauche ich nicht in Erinnerung zu rufen, wie hier für das Verständnis der großen nationalsozialistischen Volksbewegung Schritt für Schritt der Boden geebnet worden ist.“

Im Oktober 1933 sandten GNML 3WK und Royal York (jetzt Nationaler Christlicher Orden „Friedrich der Große“ und Deutsch-christlicher Orden „Zur Freundschaft“) aus Anlass des Austritts Deutschlands aus dem Völkerbund folgendes (von ihnen selbst so genanntes) „Treuegelöbnis“ an „Reichskanzler Hitler, Obersalzberg“:

„Wir begrüßen mit Stolz und Freude den Entschluß der Reichsregierung, der allein der Ehre und Würde des deutschen Volkes entspricht, und stellen uns in treuer Gefolgschaft hinter unseren Reichskanzler.“ 

Auch in der Großen Landesloge wurde die Absicht der Tarnung als Unterstellung zurückgewiesen und die Kontinuität nationaler Orientierung seit 1918 über die zwanziger Jahre hinweg betont: 

„Es ist das, was sich in unserem Orden ereignet hat, ein Vorgang, der sich aus einer inneren Notwendigkeit schon seit 15 Jahren entwickelt hat und sich nun spontan, gleichgesinnt mit den Geschehnissen der nationalsozialistischen Revolution, vollzogen hat … In derselben Form, wie die nationalsozialistischen Führer, hatten schon längst die Führer unseres Ordens auch das Übel erkannt, das in der süßlichen Form des pazifistischen Gedankens auf unserer Seele lastete, unter der diese Seele bis zur vollständigen Entkräftung und Entmannung litt.“

Und kurz vor Schließung der Logen hieß es im Ordensblatt der Großen Landesloge: 

„Es muss daher als ein Irrtum bezeichnet werden, wenn behauptet wird, unser Orden könne sich in die neue Weltanschauung nicht eingliedern. Das Gegenteil ist der Fall: Wir haben die neue Weltanschauung immer gehabt und werden sie haben, solange unser Orden besteht.“

Anders die Haltung des „Freimaurerbundes zur Aufgehenden Sonne“. In der Artikelserie „Kulturpolitisches Tagebuch“ heißt es im Herbst 1928 klarsichtig zum Nationalsozialismus:

„Der deutsche Fascismus wird heute durch zwei große, voneinander unabhängige Organisationen repräsentiert: 

Von den Nationalsozialisten und vom Stahlhelmbund. Die Nationalsozialistische Partei ist keine Partei im gewöhnlichen Sinne, sondern, eine fascistische Organisation, deren letzter Zweck die Bildung von Sturmabteilungen für den Bürgerkrieg ist. In dieser Partei herrscht heute schon die Diktatur:“ 

Am Ende seiner Publikationstätigkeit veröffentlichte die Zeitschrift des FzaS Thomas Manns „Bekenntnis zur sozialen Republik“, und der Bremer Pfarrer und ehemalige sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Emil Felden forderte am Schluss seines letzten Artikels – Hitler war bereits Reichskanzler – „Humanität, d.h. Achtung des Nebenmenschen als Menschen, welcher Rasse oder Klasse er auch angehören mag“. Schon vorher, zur Jahreswende 1932/33 hatte sich Max Seber, der letzte Großmeister des FzaS, mit einem Rundschreiben an seine Brüder gewendet, das er mit folgenden Worten beschloss: 

„Meine Brr. schwer ist unser Leben heute. Aber mit Bänglichkeit bezwingen wir es nicht. In unseren Händen liegt jetzt die Verantwortung für die kommenden Zeiten. Lassen wir es zu, dass der Barbarismus des Mittelalters von neuem triumphiert, so senkt sich die Nacht des Aberglaubens auf unser Volk hernieder… Freiheit und Humanität, meine Brr. sind heute in höchster Gefahr! Ich als Euer derzeitiger Großmeister, gebe vor Euch allen das große Notzeichen! Helft und arbeitet, steht Euren Mann! Geht hinein in die Verbände zum Schutz der Verfassung, zum Schutze der Freiheit Die eiserne Front aller Entschlossenen wartet auf Euch, meine Brr. Noch ist es Zeit, noch ist Raum für entschlossene Kämpferscharen! Tut Eure Pflicht, gedenkt Eures Eides, gebt mir das Meisterzeichen!“

All dieses belegt, dass es vor 1933 durchaus Alternativen zur völkischen Anpassung gab. Es ist ein Dilemma der deutschen Freimaurerei, dass sie diese Alternativen größtenteils bei Freimaurern findet, deren Logen und Großlogen in den neunzehnhundertzwanziger und frühen neunzehnhundertdreißiger Jahren als irregulär angesehen und behandelt wurden. Dass man sich heute auch in den ehemals „altpreußischen“ Großlogen der widerständigen Brüder des FzaS, insbesondere Tucholskys und Ossietzkys, gern erinnert und sie gleichsam posthum regularisiert, ist eine der Ungereimtheiten freimaurerischer Nachkriegs-Erinnerungskulur, von der jetzt zu sprechen ist.  

Ein Teil der Anwälte einer rechts-autoritären Anpassung der deutschen Freimaurerei in der Schlussphase der Weimarer Republik und im beginnenden NS-Regime spielte nach 1945 eine maßgebliche Rolle beim Wiederaufbau der Freimaurerei in Deutschland, und aus heutiger Sicht muss generell leider, dass die Beschäftigung mit dem Thema „Freimaurerei und Nationalsozialismus“ äußerst zögerlich erfolgt ist und dass die freimaurerische Selbstdarstellung für diese Zeit stets von Mythen und Legenden durchzogen war.

Wie für die deutsche Politik, so war auch für die Freimaurerei in Deutschland der alliierte Nachkriegsrahmen entscheidend. Die Logen konnten sich nur wiedergründen, wenn sie von den Militäradministrationen zugelassen und von ausländischen Großlogen unterstützt wurden. Voraussetzung dafür war, dass sich wie die deutsche Politik im Allgemeinen so auch die deutsche Freimaurerei im Speziellen in ihrer Haltung zu Demokratie und internationaler Verständigung neu definierte – d.h. als für im demokratischen Sinne politisch integer erklärte – und dass zugleich ein modus vivendi mit der Vergangenheit zwischen 1918 und 1945, d.h. mit der Zeit rechtskonservativer, nationalpatriotischer und nationalsozialistischer Orientierung gefunden wurde. 

Die Wege, welche die deutsche Freimaurerei in ihrer „Vergangenheitspolitik“ dabei ging, entsprachen dem Mainstream der politischen Selbstverständigung in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Knapp gehaltenen Hinweisen auf „die Verirrungen eines nicht geringen Teiles der deutschen Freimaurerei vor 1933“ folgten nur allzu oft apologetische Formeln, die mit der Zeit den Charakter dominierender Sprachregelungen annahmen.  

Die Leitformeln dafür können in ihrem Kern wie folgt umschrieben werden: 

Wir deutsche Freimaurer waren und sind geborene Demokraten.

Wir deutsche Freimaurer waren im Hinblick auf das NS-Regime Gegner, Opfer und Verfolgte.

Wir deutschen Freimaurer haben mit unserer Anpassung an den Nationalsozialismus lediglich versucht, den Bund und sein historisches Erbe durch „Tarnung“ zu retten.

Zwar beschloss der Großmeistertag im zeitlichen Vorfeld der feierlichen Einsetzung der Vereinigten Großloge der Freimaurer von Deutschland am 22. Januar 1949 eine Erklärung, in der es hieß: 

„Der Nationalsozialismus, der im Jahre 1933 die deutschen Freimaurerlogen hinwegfegte, hat der Kultur der Menschheit furchtbare Wunden geschlagen. Auch wenn sich in unseren Reihen keiner befindet, der an diesem Verbrechen teilhatte, keiner, der sich der tödlichen Gewalt des Dritten Reiches innerlich oder äußerlich verbunden fühlte, auch wenn viele von uns Gegner und Opfer dieses Reiches gewesen sind, so bleiben wir als Deutsche uns doch der Verpflichtung bewusst, an der Heilung der Wunden nach besten Kräften mitzuhelfen.”

Zu wirklichem Mut und ganzer Wahrheit im Umgang mit der völkischen Vergangenheit konnten sich die deutschen Freimaurer freilich nicht entschließen.  

Zum Umgang mit der Vergangenheit sind die Ausführungen beispielhaft, die von Theodor Vogel, dem späteren VGL- und VGLvD-Großmeister bei der Wiedereinsetzung der Großloge „Zur Sonne“ Anfang Mai 1948 vorgetragen wurden: 

„Wir bekennen uns zu dem Schicksal unseres Volkes, von dem wir uns im Leid so wenig wie im Glück zu trennen begehren. Wir wollen ihm helfen, die Schuld seiner Machthaber, die unsere Feinde waren zu überwinden durch Dienst an der Gerechtigkeit“. 

Theodor Vogel fuhr fort: 

„Es war nicht Aufgabe der Freimaurerei, den Staat Adolf Hitlers auf politischem Feld zu bekämpfen, so wenig dies Aufgabe der Kirchen oder der Künstler an sich gewesen ist. Dass trotzdem ihre Logen geschlossen, ihre Häuser beschlagnahmt, ihr Vermögen geraubt wurde, dass ihre Angehörigen diffamiert, amtsunwürdig erklärt, von den Lehrstühlen entfernt, entlassen, vertrieben oder in den KZs zu Märtyrern gemacht wurden, hat dennoch ein Gutes bewirkt: Die reinliche Scheidung. Wer in den 13 Jahren der Menschheitsferne der Idee der Loge treu blieb und ausharrte, hatte 1945 dennoch gesiegt.“

De facto hat es eine solche „reinliche Scheidung“ allerdings nicht gegeben: Von der Ausnahme wirklichen Widerstands abgesehen, hatte sich die deutsche Gesellschaft in ihrer Gesamtheit auf einer ansteigenden Zustimmungsskala mehr oder weniger mit dem NS-System identifiziert und damit dessen Funktionieren ebenso ermöglicht wie sein Überleben bis zum bitteren Ende der militärischen Niederlage. 

Da dies nun auch für beträchtliche Teile der deutschen Freimaurer zu gelten hat, mussten ihre führenden Repräsentanten nach 1945 für den Umgang mit der Vergangenheit in einem doppelten Sinne Sprach- und Verhaltensregeln finden:

Einmal ging es um „Erinnerungspolitik“, d.h. um die Frage, wie mit der Vergangenheit der Freimaurerei vor und zu Beginn der NS-Zeit umzugehen sei.

Die dabei verfolgten Strategien, die unterschiedlich akzentuiert waren und sich mischen konnten, waren vor allem die folgenden fünf: 

  • Umdeutung von Verfolgung in Widerstand; 
  • Kennzeichnung von Anpassung und geistiger Selbstgleichschaltung als Tarnung; 
  • Bezugnahme auf exemplarische Ausnahmeerscheinungen wie Gustav Stresemann, Wilhelm Leuschner, Carl von Ossietzky und Kurt Tucholsky; 
  • Herausstellung bedeutender freimaurerischer Persönlichkeiten der Geschichte des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, gleichsam als Garanten dafür, dass der Bund über jeden Zweifel an seiner politisch-kulturellen Integrität erhaben sei, sowie 
  • Betonung einer generellen Unvereinbarkeit von Freimaurerei und Gewaltherrschaft. 

 

Zum anderen mussten Wege des Umgangs mit ehemaligen Nationalsozialisten bzw. NS-Sympathisanten gefunden werden. 

Die Brüder, die nach 1945 die Freimaurerei neu begründeten, waren ja weitgehend identisch mit den Brüdern von vor 1935, und so schien es nahe zu liegen, ja kaum vermeidbar, dass ein Teil der Anwälte einer rechts-autoritären Anpassung der deutschen Freimaurerei in der Schlussphase der Weimarer Republik und im beginnenden NS-Regime nach 1945 eine führende Rolle beim Wiederaufbau der Freimaurerei in Deutschland spielte. 

Insgesamt kann jedenfalls konstatiert werden, dass sich die freimaurerische Erinnerungskultur und das Verhalten ehemaligen NS-Sympathisanten gegenüber in der Nachkriegszeit und den Gründerjahren der Bundesrepublik aufs Ganze nicht von den entsprechenden Einstellungen der deutschen Gesellschaft insgesamt unterschieden haben. 

Es ist einzuräumen, dass die analytisch überzeugendsten, materialreichsten und wissenschaftlich unbefangensten Arbeiten zur hier erörterten Thematik von Wissenschaftlern außerhalb der Freimaurerei vorgelegt wurden, wobei vor allem auf drei Arbeiten hinzuweisen ist, deren Lektüre in diesem Zusammenhang unverzichtbar ist: Helmut Neubergers „Freimaurerei und Nationalsozialismus“, Hamburg 1980, Wolfgang Fenners und Joachim Schmidt-Sasses Studie „Die Freimaurerei als ‚nationale Kraft’ vor 1933“ (im Sammelband „Weimars Ende“, herausgegeben von Thomas Koebner, Frankfurt/Main 1982) und Ralf Melzers „Konflikt und Anpassung. Freimaurerei in der Weimarer Republik und im ‚Dritten Reich’“, Wien 1999. Unter Arbeiten aus der Freimaurerei ist vor allem auf Arbeiten von Rolf Appel, Hans Koller, Jürgen Luckas, Fabian Schnack und Wolfhart Thiel zu verweisen. Dennoch muss allerdings nach wie vor gelten, dass die Beschäftigung mit dem Thema „Freimaurerei und Nationalsozialismus“ seitens der Freimaurerei selbst unverändert zögerlich erfolgt. 

Doch es ist nun einmal historische Tatsache, dass sich große Teile der deutschen Freimaurer als Bestandteil eines politisch weitgehend rechts-konservativ orientierten Bürgertums an den Nationalsozialismus anpassten, ja in vielen Fällen mit teils innerer, teils offen artikulierter Zustimmung auf die Nazis zugingen. Was diese Freimaurer störte – dies belegen die Quellen aus den frühen dreißiger Jahren nur allzu deutlich –, war weit weniger der Nationalsozialismus selbst als der von den Nazis verfügte Umstand, dass sie als Freimaurer – oder gewesene Freimaurer – am Aufbau des neuen Deutschlands nicht teilhaben sollten. 

Wer die Zeitschriften der deutschen Großlogen aus den zwanziger und dreißiger Jahren aufmerksam liest, kann sich – dies sei noch einmal betont – auch nicht mit der These der taktischen Tarnung befreunden. Es dominierte bis zum Telegramm an Hitler, mit dem Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund als Wiederherstellung nationaler Ehre gepriesen wurde, die von Überzeugung getragene Anpassung an den Nationalsozialismus und seine Ziele. Und so steuerte auch die deutsche Freimaurerei ihren Teil zu jenem Vakuum an freiheitlich-demokratischer Gesinnung bei, in dem die Feinde der Demokratie überhand gewinnen konnten. 

Selbstverständlich verbieten sich Verallgemeinerungen: 

Es gab in allen Großlogen engagierte Demokraten – oder zumindest doch „Vernunftrepublikaner“ –, von denen viele allerdings die Freimaurerei mit fortschreitender Identifizierung mit dem sich breitmachenden NS-Zeitgeist verließen. Auch gab es Kritik am Nationalsozialismus im Großlogenschrifttum, bei den humanitären Großlogen mehr als bei den altpreußischen, und am deutlichsten in den Zeitschriften des „FzaS“ und der „Symbolischen Großloge von Deutschland“. 

Doch noch einmal: Es geht nicht um Schuldzuweisungen, es geht darum, zu wissen, wie es war, es geht um Abschied von Legenden, es geht um eine sorgfältig differenzierte Aufarbeitung der Fakten. Es geht für den Freimaurer-Bürger von heute aber auch um die historisch begründete Einsicht, wie nötig es für die Lebensfähigkeit einer Demokratie ist, die breite Mitte der Gesellschaft vor dem Vordringen extremer Vorstellungen zu bewahren. 

Wir Heutigen haben als Bürger und Freimaurer nicht die Vergangenheit der neunzehnhundertzwanziger und -dreißiger Jahre zu verantworten. Wohl aber sind wir verantwortlich für das, was wir aus dieser Vergangenheit in der Gesellschaft 

von heute weiterwirken bzw. wieder aufleben lassen. Es geht um eindeutigen Widerstand gegen alle Formen von Rassismus, Antisemitismus und völkisches Denken, wo immer sie sich zeigen.

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