Überlegungen zur Symbol- und Ritualwelt der Freimaurerei

Blog Ver Sacrum

4. November 2015

Hans-Hermann Höhmann[1]

 

„Des Maurers Wandeln, es gleicht dem Leben….“

 

Überlegungen zur Symbol- und Ritualwelt der Freimaurerei

 

Die Freimaurerei fasst das ihr eigene Menschenbild und ihr Selbstverständnis vor allem in drei großen Sinnbild-Komplexen zusammen, die immer wieder in verschiedenen Formen ästhetisch-rituell gestaltet werden: der Symbolik des Lichtes, der Symbolik des Wanderns und der Symbolik des Bauens. In der Geschichte des Bundes wurden diese Symbole unterschiedlich verstanden, gestaltet, zusammengefasst und erweitert. Freimaurerei war auch im Hinblick auf ihre Symbolik immer einen Raum, „in dem vieles möglich war“ (Monika Neugebauer Wölk), und der dennoch wesentliche Erscheinungsformen und Grundstrukturen gemeinsam hatte. Es gab also gleichzeitig immer die Freimaurerei (Singular) und die Freimaurereien (Plural). Die folgenden Überlegungen verstehen sich als idealtypische Darstellung zur Freimaurerei (Singular), mehr noch, sie spekulieren subjektiv über die Transferbeziehungen zwischen Symbolverständnis und freimaurerischer Praxis, d.h. sie versuchen auszuloten, was aus einer einübungsethisch wirksamen Symbolik für das Verhalten des Freimaurers und freimaurerischer Institutionen folgt. Herkunft und Struktur der Symbolik für die vielgestaltige Welt der Freimaureien (Plural) im Detail nachzugehen, ist dagegen ein ebenso zentrales wie verlockendes Arbeitsfeld der freimaurerischen Forschung.

 

I. Die Symbolik des Licht

 

Innerhalb der freimaurerischen Symbolwelt veranschaulicht die Lichtsymbolik, mit der begonnen werden soll, den transzendenten Bezug des Freimaurers, seine Rückgebundenheit an einen tragenden Grund seines Seins, den Anker seiner Verantwortung und die Quelle seiner Hoffnung. Licht symbolisiert Lebenskraft und Lebensgrundlage, Sicherheit und vertrauenswürdige Ordnung. In allen Religionen hat die Lichtsymbolik ihren festen Platz. Sie kennzeichnet, oft konkretisiert in den Bildern der sinnlich erfahrbaren Lichtträger – Sonne, Mond, Sterne, Blitz und Feuer –, Mythen und Kulte und gelangt als zentraler Bestandteil der masonischen Bilderwelt auch in das freimaurerische Ritual. „Ohne dich“, so heißt es beispielsweise in Mozarts Freimaurer-Kantate Dir Seele, des Weltalls, o Sonne, „ohne dich, lebten wir nicht, von dir nur kommt Fruchtbarkeit, Wärme und Licht!“. Licht steht aber auch für Aufklärung, für den menschlichen Akt der Wahrheitserkenntnis, dafür, dass der Maurer – so will es das Ritual – sich vor Lehren hüten soll, die das Licht der Vernunft nicht aushalten. In der Sprache des Rituals: „Was das Licht für die Augen, das ist die Wahrheit für den Geist des Menschen. Unwissenheit und Vorurteil verhalten sich zu der Wahrheit, wie Finsternis und Dunkel zum hellen Tag“. Es ist diese ausgreifende Bedeutung des Lichts als komplexes Symbol für Lebensquelle, Lebenskraft, moralischer Wegweisung und Suche nach Wahrheit, welche die „Lichtgebung“ zum zentralen Bestandteil des Aufnahmeri­tuals und die „Lichteinbringung“ zum Kern der rituellen Einsetzung einer Loge oder der Weihe eines neuen Tempels macht. Die Beziehungen zur freimaurerischen Alltagspraxis sind leicht erkennbar: Redlichkeit und Wahrhaftigkeit werden angemahnt, der Verzicht darauf, als Wahrheit auszugeben, was eigenes Vorurteil ist. Die Loge will – auch dies ist Grundlage des Rituals – „eine sichere Stätte sein für alle, die Wahrheit suchen”. Wohlgemerkt, für die, die Wahrheit suchen, nicht für die, die meinen, universelle Heilsrezepte zu besitzen und ewige Wahrheiten zu verwalten. Hier ist an ein Wort und eine Warnung Lessing zu erinnern, dass nicht die Wahrheit, sondern die Mühe der Wahrheitssuche den Wert des Menschen ausmacht, und dass – so Lessing wörtlich – „nicht der Irrtum, sondern der sektiererische Irrtum, ja sogar die sektiererische Wahrheit das Unglück der Menschen machen oder machen würden, wenn die Wahrheit eine Sekte stiften wollte”. Hierzu kommt mir auch ein Gedicht Erich Frieds in den Sinn, eines sensiblen Aufklärers unserer Tage: „Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er hat Angst – aber habe Angst vor dem, der dir sagt, er kennt keinen Zweifel“.

 

II. Die Symbolik des Wanderns

 

Die Symbolik des Wanderns veranschaulicht den besonderen Charakter der menschlichen Lebensreise. Wandermythen gehören zu den uralten Bestandteilen menschlicher Bewusstwerdung. Wan­derepen wie Homers Odyssee erzählen nicht nur das Schicksal von Helden. Sie bezeugen auch die Bestimmung des Menschen, Wanderer zu sein. Auch eine moderne Filmgattung bestätigt immer wieder einen archai­schen Befund: Das menschliche Leben ist ein Roadmovie. Der Mensch ist unterwegs, er muss aufbrechen, er verändert sich, er hat Altes hinter sich zu lassen und selbst, wenn er zum Aus­gangspunkt zurückkehrt, ist er verändert und hat die Chance, die Veränderung produktiv an sich selbst zu erleben. Rilke hat dieses „Zurückkehren, aber doch Verändertsein“ bekanntlich in das schöne Bild vom „Leben in wachsenden Ringen“ gefasst: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn.“

Freimaurerei hat mit Wanderungen vielerlei Art zu tun: der Aufnahmekandidat wandert zum Licht, der Lehr­ling macht „Gesellenreisen“, der Geselle wandert – konfrontiert mit der Unabänderlichkeit des Todes – auf dem Weg zur Meisterschaft, und auch für den Meister wird das „Wandern zwischen Sternen und Gräbern“ immer wieder zu Erlebnis und Anstoß.

Leben als Wandern zu verstehen, ist auch den Gedanken und Bilder anderer Denksysteme und Manifestationen von Kultur eigen. Die An­schaulichkeit und Intensität der sinnlichen Erfahrung der freimaurerischen Rituale wird allerdings nur selten erreicht. Das freimaurerische Brauchtum ist nun einmal sowohl durch eine besonders sinnreiche Ritualstruktur als auch durch eine besonders eindruckvolle grup­pendynamische Qualität des Ritualvollzugs geprägt.

Freimaurer erfahren beim Wandern, bei den Reisen, die Essenz ihres Menschseins. Wir erle-ben, dass wir unterwegs sind zwischen Geburt und Tod. Wir erleben uns im Aufbruch und im Vollbringen. Wir erleben uns aber auch in der Gefährdung, im Scheitern gar und im Ster-ben. Die Stimmung der „Winterreise“ ist uns vertraut: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wie-der aus“. Doch wir erfahren auch schöpferische Freude, wir erleben die Aufforderung zum Neubeginn, die Chance, aufzubrechen zu uns selber, die Gelegenheit, unsere besseren Mög-lichkeiten auszuloten, insbesondere die Möglichkeit, das zu werden, was wir eigentlich sind: Wir erleben eben nicht nur das „Stirb“, sondern auch das „Werde!“ Aber wir erfahren auch immer wieder, dass der Weg, neu zu empfinden, neu zu denken, neu zu handeln und neu zu werden mühsam bleibt, und dass er nichts zu tun hat mit Esoterikschnellkursen fragwürdi-ger Proveni-enz, wie sie heute so gern angeboten werden und von denen uns gründlich abzu-grenzen eine ganz zentrale Aufgabe frei-maurerischer Öffentlichkeitsarbeit – aber auch der „Arbeit nach innen“ – sein muss.

Als Wanderer erleben wir Maurer uns allein und in Gemein­schaft. Wir werden mit der Not­wendig­keit kon­frontiert, Einsamkeit auszuhalten und uns – auf uns zurückgeworfen – selbst zu erken­nen. Wir werden dazu angehalten, uns über uns nichts vorzumachen. Doch wir ler­nen auch, dass Selbsterkenntnis kein Akt narzistischer Selbstbespiegelung bleiben darf, dass Selbsterkennen und Selbstwerden vielmehr von unseren Fähigkeiten abhängt, auch für den anderen da zu sein, ihn zu begleiten, ihm zu helfen, uns auch von ihm helfen zu lassen und mit ihm zusammen unser Dasein zu meistern.

Freimaurerisches Wandern ist nicht nur auf das Erreichen von Zielen angelegt, es ist auch Wandern im Kreise, Weitergehen und Wiederkehr zugleich. Wandern als Kreisen zu verstehen ist von großer anthropologischer Bedeutung. Denn Kreisen heißt, einem Zentrum verhaftet zu bleiben und doch ständig die Perspektive zu verändern. Der Prozess der Selbsterkenntnis ist ein solches Kreisen um die eigene Person, die es von verschiedenen Blickpunkten aus kritisch zu betrachten gilt. Aber auch die Welt enthüllt ihren Charakter nur „schrittweis dem Blicke“, wie es in Goethes „Symbolum“ heißt. Und schließlich stellt sich auch unser Bezug zur Transzendenz als ein stetiges Kreisen dar. Wiederum Rilke hat dafür schöne Bilder gefunden, wenn er – ich möchte sagen durch und durch freimaurerisch – dichtet: „Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, und ich kreise jahrtausendelang; und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm oder ein großer Gesang“. Wir wissen nicht, und wir suchen. Wir haben die Wahrheit über Gott und uns selbst nicht parat. Der Turm verschließt mehr als er preisgibt. Das Große im kleinen Bild, im Symbol eben, zu fassen, bleibt unser Geschäft. Dass es gelingen kann, im Unsicheren, in der Kontingenz, Sicherheit zu gewinnen, ist für mich eine entscheidende Erfahrung gelingender Freimaurerei. Der Diktatur des Definitiven zugunsten schwebender Möglichkeiten zu entgehen, mag unbequem sein, aber es gibt Freiheit.

Wandern macht geistig produktiv. Die peripatetischen Philosophen um Aristoteles wussten davon, die im Peripatos, der Wandelhalle, umhergingen, um Gedanken zu entwickeln, die sie sich für Lehr- und Diskussionszwecke mitteilten. Friedrich Nietzsche, der leidenschaftlich wandernde Umwerter aller Werte hatte nicht nur am Surleifelsen blitzende Einfälle, die sich zu gedankenmächtigen und wortschönen Aphorismen verdichteten. Schließlich: Zur Persönlichkeitsentwicklung durch Wandern hatte schon Goethe in den Schlusszeilen seines Gedichts über die „Perfektibilität“ das Fazit gezogen: „Willst Du besser sein als wir, lieber Freund, so wandre!“

Wie immer wir es sehen: Das rituelle Wandern berührt den Kern unserer Person. Dass es des Schutzes bedarf, dass es intern bleiben muss, dass es in diesem Sinne „esoterisch“ ist, dass umgekehrt eine allzu große und unbedachte Publizität geradezu schamlos wäre, versteht sich wohl von selbst.

III. Die Symbolik des Bauens

 

Die Bilderwelt des Bauens schließlich umreißt Inhalt und Ziel unserer Arbeit: Wir Freimaurer bauen am Tempel der Humanität. Wir verstehen Sein und Zeit als sinnvoll zu gestaltende Bauwerke. Wir gehen davon aus, dass unserem Bauen eine wertgebundene Bauidee zugrunde liegt, die wir – ohne jede inhaltlicher Bestimmung, fern ab von der Dogmatik eines kreativen Designs und ohne dass die Loge zur religiösen Vereinigung wird – mit dem Symbol eines universellen Großen Baumeisters umschreiben. Gewiss, wir bauen ein Fenster zur Transzendenz, denn „über sich“ hinaus zu schauen, ist eine Grundbefindlichkeit des Menschen. Doch was der Maurer sieht, wenn er durch dieses Fenster blickt, ist innerhalb der Loge sein Geheimnis, das ihm durch seine Religion (und eben nicht durch die Freimaurerei) vermittelt wird, und es wäre schamlos, ihn danach zu fragen.

Wir verstehen uns selbst als Bausteine, deren Auftrag und Schicksal es ist, den Weg vom rauen zum behauenen Stein zu nehmen, lebenslang und unabweisbar, aber – anders als der immer wieder scheiternde Sisyphos – mit der Hoffnung auf Gelingen und auf der festen Grundlage eines positiv-optimistischen Menschenbildes. Wir bauen eine Heimat für Menschen, eine Heimat, die nicht nur am großen Entwurf des Tempelbaus orientiert ist, die vielmehr vor allem im tagtäglichen Bemühen um menschenwürdige Wohnverhältnisse in den Alltagsgehäusen unserer Mitmenschen ihren Ausdruck zu finden hat.

Unser symbolisches Bauen folgt Regeln und verzichtet doch auf ein festes Bauprogramm. Freimaurerei ist mit Ideologie und Dogma nicht vereinbar, und für den nachdenklichen Maurer taugt kein rigide festgelegter Kurs. Gewiss: Die Freimaurerei hat zentrale Werte, Leitideen, die immer wieder um die Idee des auf Würde und Freiheit angelegten Menschen kreisen und die auch unsere Bilderwelten von Licht, vom Wandern und vom Bauen bestimmen. Aber Ideen sind nun einmal wie Sterne, die nie unmittelbar erreichbar sind und denen wir auch nicht die Pluralität der Auffassungen opfern dürfen, zu der wir Freimaurer uns bekennen. An Ideale darf man sich nur in offenen, der Kritik zugänglichen Suchprozessen annähern. Nicht selten haben wir erfah­ren, wie recht der Philosoph Karl Popper mit seiner Feststellung hat, dass der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, den Menschen oft genug die Hölle beschert hat.

Auch den Freimaurern droht der Einsturz von Gebäuden, wenn sie zu sehr definieren, ideologisieren und polarisieren, wenn Programme und verbandspolitische Profile Vorrang haben gegenüber der einen unverzichtbaren maurerischen Grundsubstanz, bestimmt vom Dreiklang:

 

  • intellektuelle Redlichkeit,
  • humanitäre Gesinnung und
  • engagierter Mit-Menschlichkeit in allen unseren Beziehungen.

 

Nicht ein festgelegter rigider Plan bestimmt somit das Bauen des Freimaurers. Freimaurerei als Baustil, darauf kommt es an.

Seitdem der Mensch Mensch ist, hat er gebaut, wenn auch – die großen Baulegenden der Religionen geben darüber ebenso Auskunft wie die abschreckenden Beispiele der Baugeschichte –, wenn auch das Maß des Menschlichen beim Bauen oft verfehlt worden ist.

Kein abgeschlossener Bau ohne einen neuen Bauauftrag. Bauhütten waren nie Selbstzweck, Bauhütten hatten immer einen Auftrag, in Bauhütten wurde und wird immer weitergebaut.

Was soll gebaut werden? Und vor allem: wie sollen wir bauen?

Das freimaurerische Ritual gibt umfassend Auskunft: Ein Tempel der Humanität ist es, an dem wir arbeiten, eine Heimat brüderlicher Gesinnung ist zu schaffen, eine Schule edler Menschlichkeit soll begründet und eine sichere Stätte errichtet werden für alle, die Wahrheit suchen. Und die Bausteine, die wir brauchen, sind „Menschen, Menschen, immer neue Menschen“.

Hier wird sie wieder klar erkennbar, die große schöpferische Leistung der Alten, Freien und Angenommenen Maurer, die Idee des Bauens auf die soziale, auf die moralische Welt, auf das Leben selbst zu übertragen, Menschen als Bausteine zu verstehen, die kein passives Material sind, die sich zwar einordnen müssen in den großen Bau der Mitmenschlichkeit, aber nicht unter Zwang, sondern als Ausdruck individueller Verantwortung, verfügend über den Maßstab des Sittengesetzes, der den Freimaurer lehrt, die symbolischen Werkzeuge recht zu gebrauchen und sie anzuwenden im offenen brüderlichen Miteinander auf der vom Ritual dafür bestimmten Grundlage der schönen, reinen Menschenliebe, der Brüderlichkeit aller.

Es sind die alten Sprachformen des Rituals, die uns zu ethischer Einübung verhelfen. Sie ernst zu nehmen in ihrer nachdrücklichen Schlichtheit schützt vor einer gar nicht so seltenen Fehlhaltung der Freimaurer: sich berauschen zu lassen vom Klang der eigenen Worte und zu meinen, im Tempel Humanität zu sagen, hieße bereits Humanität zu verwirklichen.

Hier droht ständig die große Gefahr einstürzender Alt- und Neubauten, die es zu vermeiden gilt. Hier ist die Falle der Unglaubwürdigkeit angesiedelt, die darin besteht, bei Zweifeln im Inneren und bei Angriffen von außen nicht mit kritischer Prüfung und Korrektur zu reagieren, sondern mit einem Schwall neuer Wörter, Beteuerungen und Apologien zu erwidern, mit denen dann wiederum das Bild der tatsächlichen Freimaurerei verfehlt wird. Die Freimaurer haben aber nicht auf dem Markt der Parolen zu konkurrieren, sie müssen vielmehr mit Inhalten bestehen. Und dies ist mit Arbeit verbunden: Die großen Bauvorgaben der Freimaurerei – Humanität, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Friedensliebe und Toleranz – treten nur dadurch aus der Welt der Schlagworte heraus, dass sich jeder einzelne Bruder um ihre Konkretisierung bemüht. Wer helfen will, eine humane Welt zu errichten, muss sich ein realitätsnahes, den Dunstkreisen der Stammtische fernes Bild der Wirklichkeit verschaffen und mit anderen Menschen guten Willens um Erkenntnis dessen ringen, was eine humane Welt angesichts menschenfeindlicher Tendenzen heutzutage bedeuten kann und wie eine solche Welt wenigstens ansatzweise zu erreichen wäre. Am Bau einer besseren Welt mitzuwirken mit Sensibilität, Augenmaß, Empathie und Engagement wurde immer schon als Werkaufgabe der Freimaurerei verstanden. Den Inhalt dieser Aufgabe für unsere Zeit auszuloten, die Dimension des Politischen für die Arbeit der Brüder, der Logen und der Großlogen in ihren Möglichkeiten, aber auch in ihren Grenzen eindeutiger zu fassen und umzusetzen, hieran sollte mit geschärftem Bewusstsein für das Mögliche und Nötige viel intensiver gearbeitet werden als bisher.

 

IV. Freimaurerei: Ordnung und Freiheit, Inhalt und Form

 

Zum Schluß: Die genannten drei grundlegenden und komplexen freimaurerischen Bilderzählungen vom Licht, vom Wandern und vom Bauen sind großartige Vorgaben für das auf ihrer Grundlage zu vollziehende dramatisch-psychologische Erleben, das Inhalt unserer Rituale ist. Und immer wieder bestätigt sich beim Ritualvollzug, dass freimaurerische Rituale desto überzeugender und erlebnistiefer sind, je näher sie an die universellen Kerne archaischer Menschheitssymbole heranreichen.

Die Formen der Symbole und Rituale sind uns dabei durch die klare und feste Struktur des freimaurerischen Brauchtums vorgeschrieben. Und es ist gut, dass hinsichtlich der Verbind­lichkeit unserer rituellen Formen Konsens in der Bruderschaft besteht. Nur durch den Ausschluss von Willkür lassen sich Desorientierung und Irritation abwehren, nur so kann – im direkten wie im übertragenen Sinne – Ordnung gestiftet werden. Gerade aber diese feste Ord­nung in den Formen gewährleistet wiederum Freiheit im Ritualverständnis, und unser Zu­gang zu Symbol und Ritual kann undogmatisch, offen und kreativ sein. Lessing hat diese Beziehung zwischen fester Bildvorgabe und schöpferischem Nach-Denken in seiner Laokoon-Schrift einmal mit folgenden Worten umrissen: „Dasjenige….allein (ist) fruchtbar, was der Einbildungskraft freies Spiel lässt. Je mehr wir sehen, desto mehr müssen wir hinzudenken können. Und je mehr wir dazu denken, desto mehr müssen wir zu sehen glauben.“ Diese sub­jektiven schöpferischen Annäherungen an ein Ritual, das in fester Form bewahrt wird, müssen wir hüten als kostbaren Schatz in einer Zeit, in der Formen häufig entweder banalisiert, wenn nicht gar zerstört, oder fundamentalistisch eingemauert und sektiererisch übersteigert werden.

Freimaurerei ist die untrennbaren Einheit von brüderlicher Gemeinschaft, humanitärer Ideenwelt und symbolisch-ritueller Form. Wir sollten wissen, dass es da, wo und wann immer diese Einheit verloren ging, bergab gegangen ist mit der Freimaurerei. Wenn die Gemeinschaft nicht stimmte, fühlte sich niemand wohl in der Loge; wenn die ideelle Wurzel abstarb, füllte sich Freimaurerei mit beliebigen Inhalten und die Logen landeten irgendwo zwischen religiöser Sekte und politischem Zirkel, ja gar im Mitläufertum der Diktatur; wenn Brauchtum und Ritual vernachlässigt oder für Schauzwecke instrumentalisiert wurden, verlor die Freimaurerei ihre Identität stiftende Grundlage. Freimaurer, Logen und Großlogen haben daher nicht zuletzt der Gefahr zu begegnen, das Ritual einer falsch verstandenen Modernität zu opfern. Im Gegenteil: Die schöpferische rituelle Arbeit erst, das Arbeiten mit den großartigen Bilderwelten des Lichts, des Wanderns und des Bauens, sichert den Kern der Freimaurerei, ist Brücke über die Zeiten und übt den Bruder ein in den richtigen Umgang mit sich selbst, mit der Transzendenz, mit anderen Menschen und mit den Dingen der Welt. Kurz: die oft so unzeitgemäß empfundenen Rituale tragen bestimmend dazu bei, Freimaurerei als sozial tragende und Daseinsorientierung vermittelnde Lebenskultur zu erhalten. Denn Freimaurerei ist nicht mehr und nicht weniger als ethisch orientierte Freundschaft, eingeübt und gefestigt durch eine lichte Symbolik, die uns wandern und bauen, denken und fühlen, leben und sterben lehrt.

 

 


 

[1] Der Autor, lange Jahre tätig als Professor für Sozialwissenschaften an den Universitäten Köln und Bremen, ist nach Leitungstätigkeit in Loge und Großloge seit 1999 Meister der Forschungsloge „Quatuor Coronati“.

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