Treueide

Blog Ver Sacrum

21. Januar 2016

Norbert Mülleneisen

Treueide


Meine Kollegin, die lange in den USA lebte berichtete mir neulich, dass Ihre Kinder in der Schule in den USA jeden Tag den Fahneneid (pledge of allegiance) zu leisten hatten. Für eine junge Nation wie die USA ist es vermutlich sinnvoll, sich täglich der Loyalität der Mitglieder der Gesellschaft zu versichern. Es gibt in den USA wenig gewachsene Verbundenheit mit der Heimaterde, der Abstammung, der gemeinsamen Religion etc. Und so war es vermutlich sinnvoll sich etwas auszudenken, auf das man die Mitglieder einer so heterogenen Gesellschaft verpflichten kann. Auch wenn die Religionsfreiheit zu den Gründungsmythen der Vereinigten Staaten gehört, ist es jedoch für einen Atheisten schwer diesen Flaggeneid abzulegen ohne innere Ablehnung, wird doch explizit Bezug auf einen Gott genommen. Was sofort die Frage nach der Ehrlichkeit aufwirft mit der man einen solchen Fahneneid ablegen muss.

„I pledge allegiance to the flag of the United States of America, and to the republic for which it stands, one nation under God, indivisible, with liberty and justice for all.“

„Ich schwöre Treue auf die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und die Republik, für die sie steht, eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden.“

Im neuen Testament verlangt Jesus in der Bergpredigt, überhaupt nicht zu schwören. Einige protestantische Kirchen wie Mennoniten und Quäker lehnen deshalb Eide bis heute ab, denn sie sagen, man müsse sein Wort auch ohne eidliche Bekundung halten.

Dann dachte ich an die Eide die wir Freimaurer ablegen und was wir damit verbinden. Wir erklären uns freiwillig bereit die geschriebenen und ungeschriebenen Pflichten des Gelöbnisses zu übernehmen, Verantwortung zu übernehmen, Verantwortung zu tragen und persönliche Konsequenzen zu ziehen oder zu ertragen, wenn man die eigenen Verpflichtungen nicht erfüllen will.

In unserem Ritual lautet die entsprechende Passage bei der Aufnahme:

 

Ich gelobe bei meiner Ehre und meinem Gewissen:

Mich der Humanität aus vollem Herzen und mit ganzer Kraft zu widmen.

Demgemäß meine Pflichten gegenüber meiner Familie, meiner Gemeinde, meinem Land und der Gemeinschaft aller Menschen gewissenhaft zu erfüllen.

Das Brauchtum der Freimaurer in Ehren zu halten, die inneren Angelegenheiten meiner Loge nicht nach außen zu tragen und verschwiegen zu bewahren, was mir ein Bruder anvertraut.

Den Gesetzen der Bruderschaft und dem Hammer-schlag des Meisters maurerischen Gehorsam zu leisten.

Die Arbeit meiner Loge nach Kräften zu fördern, ihr Zeit und Arbeitskraft zu widmen und sie nie ohne Ursache zu verlassen.

Meinen Brüdern mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und die Zusage auf Maurerwort so gewissenhaft zu halten wie einen heiligen Eid.

 

Das ist m.E. eine sehr milde und distanzierte Form einen Treueid zu verlangen. Es ist mehr ein deklaratorischer Akt und verpflichtet mehr zur Einhaltung ethischer Prinzipien und zur Verschwiegenheit. Der neuaufzunehmende Bruder wird mehrfach gefragt, ob er das Wagnis der Freimaurerei eingehen will. Die verlangten Pflichten sind relativ gering, selbst wenn der neue Bruder sie später nicht einlöst, drohen keine wirklichen Strafen. Es wird explizit an die Phantasie appelliert und sein Herz berührt, um sinngemäß an sein Herz anzuklopfen. Er wird mehr gebeten, als verpflichtet seine selbst gewählten Verpflichtungen einzuhalten. Wir wissen, dass den Gewissenhaften sein Manneswort fester bindet, als den Leichtsinnigen der schwerste Eid. Er wird als „ehrlicher Mann“ angesprochen und so verpflichtet seinem eigenen Gesetz, seinem eigenen Anspruch zu folgen. Er wird vor Verlesung des Textes des Treueeides noch einmal darauf hingewiesen, dass dieser nichts enthalte, was seinen älteren Pflichten als Mensch, als Familienmitglied und als Bürger des Staates zuwider wäre.

Ist unser Eid als Freimaurer also ein nachrangiger Eid? Ja und nein. Ich glaube, das mich ein solcher freiwilliger Eid viel mehr anspricht und im Falle der Freimaurerei eben moralisch stärker verpflichtet, als es ein verpflichtender Fahneneid je könnte, den ich, und sei es täglich, nachsprechen muss.

Ein Eid soll Gemeinschaftsbildend sein und muss authentisch sein damit er Wirkung entfalten kann. Wenn er der Situation angemessen ist er Gesellschaftsbildend.

Bein unseren englischen Brüdern im Emulation Ritus lautet der Text.

 

I in the presence of the Great Architect of the Universe, and of this worthy, worshipful, and warranted Lodge of Free and Accepted Masons, regularly assembled and properly dedicated, of my own free will and accord, do hereby, and hereon, sincerely and solemnly promise and swear, that I will always hele, conceal, and never reveal any part or parts, point or points of the secrets or mysteries of or belonging to Free and Accepted Masons in Masonry which may heretofore have been known by me, or shall now or at any future period be communicated to me, unless it be to a true and lawful Brother or Brothers, and not even to him or them, until after due trial, strict examination, or sure information from a well-known Brother that he or they are worthy of that confidence; or in the body of a just, perfect and regular Lodge of Ancient Freemasons. I further solemnly promise that I will not write those secrets, indite, carve, mark, engrave, or otherwise them delineate, or cause or suffer it to be so done by others, if in my power to prevent it, on anything, movable or immovable, under the canopy of Heaven, whereby or whereon any letter, character, or figure, or the least trace of a letter, character, or figure, may become legible, or intelligible to myself or anyone in the world, so that our secret arts and hidden mysteries may improperly become known through my unworthiness. These several points I solemnly swear to observe, without evasion, equivocation, or mental reservation of any kind, in the certain knowledge that on the violation of any of them I shall be branded as a willfully perjured individual, void of all moral worth, and totally unfit to be received into this worshipful Lodge, or any other warranted Lodge, or society of men who prize honour and virtue above the external advantages of rank and fortune. So help me God, and keep me steadfast in this my Great and Solemn Obligation of an Entered Apprentice Freemason.

Das ist schon sehr detailliert und ausgeschmückt. Aber immer noch auch hier mehr ein „promise“, ein Versprechen, ein „pledge of fidelity“ ein Gelöbnis der Treu und Redlichkeit oder eine „solemn obligation“, eine feierliche Verpflichtung.

Früher aber war es schlimmer. Da hieß es, lt. Dosch Deutsches Freimaurerlexikon, nach den Pflichten: „Alles dieses beschwöre ich mit dem festen unerschütterlichen Entschlusse, es zu halten ohne Unschlüssigkeit, geheimen Vorbehalt, und innere Ausflucht, unter keiner geringeren Strafe, als das meine Gurgel durchschnitten, meine Zunge bei der Wurzel ausgerissen und im Sande des Meeres zur Zeit der Ebbe eines Kabeltaues Länge vom Ufer versenkt werde, wo Ebbe und Flut zweimal in 24 Stunden wechselt … dass mir mein Herz aus meiner nackten linken Brust gerissen und eine Speise der Raubvögel werde … dass mein Körper in zwei Teile geteilt, der eine nach Süden, der andere nach Norden gebracht werde, meine Knochen zu Asche verbrannt und die Asche in alle vier Winde zerstreut, und eines so nichtswürdigen Elenden als ich es bin unter keiner Gattung von Menschen, besonders Maurern, gedacht werde.“ Gegner der Freimaurer haben solche Formulierungen gerne aufgegriffen um uns zu diffamieren. Dabei sind die angedrohten Strafen, solche die im Mittelalter bei der Inquisition üblich waren. Die angedrohten Strafen waren damals schon symbolisch und nicht wörtlich zu verstehen. Es ist auch nie ein Fall bekannt geworden in dem die angedrohten Strafen je zur Anwendung gekommen worden seien. Weil sie jedoch missverständlich waren, werden solche Strafen heutzutage nicht mehr angedroht. Der aufzunehmende Bruder wird bei uns auch nicht mit einem Strick um den Hals aufgenommen, oder, wie es beim Freimaurerorden auch heute noch üblich ist, mit gezogenem Degen begrüßt, wenn er das Licht erhält.

Amtspersonen müssen einen Treueeid leisten. Unsere Beamten der Loge werden auch bei jedem Amtswechsel neu verpflichtet. Auch wer ins Kloster eintritt muss sich dreimal versprechen. Das Ordensgelübde oder Profess (von lateinisch professio „Bekenntnis“) hat den Namen für Professionen wie den Beruf des Arztes abgegeben. Die Professionen der Ärzte, Rechtsanwälte, Architekten haben eigene Kammern des öffentlichen Rechtes und dürfen ihre berufsrechtlichen Dinge selbst regeln. Das dürfen sie, weil sie sich der Gesellschaft versprochen haben und sich beruflich in Ihren Dienst gestellt haben. Übrigens gibt es im Islam oder Judentum keine Priester die sich einer Ordensregel, der Armut oder der Keuschheit versprechen. Diese Religionen, benötigen keinen Mittler zwischen den Gläubigen und Gott. Der Rabbi oder Imam ist kein Priester dem besondere religiöse Aufgaben alleine zustünden. Auch der Meister vom Stuhl ist kein Priester. Niemand kann zum Freimaurer geweiht werden. Die Freimaurerei bietet nur die äußere Form, den materiellen Weg zu einer Weihe, zu einem „Erkenne dich selbst“ und damit eine Hinführung zur inneren Wandlung. Der MvSt weiht weder den Lehrling noch den Gesellen oder Meister, sondern er nimmt sie „an und auf“. Er befördert und er erhebt sie, rein materielle irdische Handlungen, die beim Bruder selbst durch eine geänderte Geisteshaltung zur Weihe führen müssen. Der Suchende legt bei seiner Aufnahme seine Verpflichtung auf das geöffnete Buch des heiligen Gesetzes ab. Sein heiliges Gesetzbuch! Sei es der Koran, die Bibel oder die Tora. Damit soll die Bindung seines Gewissens an die Allgegenwart der göttlichen Schöpferkraft ausgedrückt werden.

Wozu verpflichtet sich der Freimaurer? Er verpflichtet sich zur Treue der Loge und Gehorsam Ihrer Führung gegenüber. In allen Dingen? Nein nur in maurerischen Dingen. Es ist ein Schwur mehr vor sich selber als vor anderen.

Die Ernsthaftigkeit des Gelöbnisses hängt nicht von der Vergeltung ab, die dem Freimaurer droht, wenn er gebrochen wird. Es ist das eigene Gewissen das einen solchen Bruch verhindern soll. Schon in den Alten Pflichten von 1723 wird von Männern die dem Freimaurerbund beitreten verlangt, dass sie „gute und treue Männer“ sein müssen. Das gilt auch heute noch. Die Treue bezieht sich dabei besonders auf die Treue gegen sich selbst. Der Bruder soll seinem Gewissen folgen. Der Treue gegenüber seinen Mitbrüdern. Es wird brüderliche Liebe und Toleranz gefordert. Und Treue gegenüber dem Staat und seinen Einrichtungen, sowie den Gesetzen der Großloge wird gefordert. Wobei man heute wohl Einschränkungen gegenüber Despoten und Diktatoren machen muss.

 

In der Fan-Hymne des 1. FC Köln heißt es:

„Mer schwöre dir he op Treu un op Iehr,

Mer stonn zo dir FC Kölle

Un mer jon met dir wenn et sin muß durch et Füer

Halde immer nur zo dir FC Kölle“

Eine sehr emotionale Hymne, die das Gemüt anspricht und die dem rührseligen Rheinländer sofort Tränen in die Augen treibt. Ich hätte auch die Leverkusener oder Dortmunder Hymne wählen können, das Stickmuster ist immer gleich. Der eigene Haufen wird überhöht und damit ein Gemeinschaftsgefühl kreiert, das andere Haufen ausschließt. Wohin das führen kann, muss ich nicht mit Massenpsychologie erklären. Ein Blick in die deutsche Geschichte oder auch in die Hooligan Kämpfe der englischen Fußballscene reicht, um die Aktualität und Absurdität solcher Ausschließlichkeit einfordernder Rituale zu brandmarken. Ein aufgeklärter Geist kann sich nur unwohl dabei fühlen. Wie wohltuend anders sind unsere Rituale der Freimaurer. Ein Aufzunehmender wird mehrfach gefragt ob er wirklich will und ob er die Konsequenzen tragen möchte. Er kann an verschiedenen Stellen, selbst wenn das Aufnahmeritual schon begonnen hat, noch gesichtswahrend aussteigen wenn er sich unwohl dabei fühlt. Erst wenn er aufgenommen ist, ist der neue Bruder den Gesetzen unseres Bundes verpflichtet. Und diese sind, um es deutlich zu sagen, banal. Letztlich geht es darum ein anständiger Mensch zu sein und sich brüderlich, tolerant, menschlich, caritativ und humanitär zu verhalten. Punkt. Nicht sehr spektakulär, nicht sehr geheimnisvoll, aber anstrengend. Freimaurerei ist kein Sport für Zwerge. Deshalb gibt es auch immer wieder Brüder die das nicht aushalten und aussteigen. Schade. Manche hätten es schaffen können. Aber wir können als Loge nur Angebote machen und Wege aufzeigen. Den Weg gehen muss jeder einzelne Bruder selber. Das Gelöbnis spricht er mehr für sich, als für uns. Für uns zählt die Tat, nicht das Versprechen der Tat. Die letzte Beurteilungsinstanz für die Einhaltung der „Vertragstreue“ ist bei unserem Treueeid nicht Gott, sondern der Bruder selber.

 


 

Quellen: Wikipedia. Wolfgang Scherpe: Das Unbekannte im Ritual 3. Auflage. Alec Mellor: Logen, Rituale, Hochgrade. Reinhold Dosch: Deutsches Freimaurerlexikon. Lennhoff, Posner, Binder: Internationales Freimaurer Lexikon. Internationales Templer Lexikon

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