Gibt es ein Leben nach dem Tod?

Blog Ver Sacrum

21. Januar 2016

Norbert Mülleneisen

Gibt es ein Leben nach dem Tod?

 

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Ist das nicht eine Frage der Religion und über Religion streitet man nicht, deshalb sollte es unter Freimaurern kein Thema sein!

Sollte die Frage nicht eher sein: Was bleibt nach dem Tod? Ist es die Erinnerung? Oder das, was wir genetisch oder an materiellen und ideellen Werten vererben! Und was wollen wir überhaupt, das von uns bleibt? Haben wir Angst vor der Damnatio memoriae? Angst vergessen zu werden wie Herostratos, der den Brand legte, der den Tempel der Artemis in Ephesos zerstörte und der zur „Verdammung des Angedenkens“ verurteilt wurde? Er wollte den Ruhm haben, als der Zerstörer des Tempels in die Geschichte einzugehen und bekam das ausgelöschte Angedenken. Sein Name wurde ausgelöscht. Oder haben wir Angst vor dem Alleinsein mit dem Nichtsein und glauben deshalb an ein Leben nach dem Tod?

Was passiert mit uns wenn wir sterben? Was ist mit Nahtoderfahrungen: Ist das wirklich mit dem Tod vergleichbar? Ist mit dem Tod alles aus oder überdauert uns etwas? Reinkarnation und Wiedergeburt, sind die attraktiven Konzepte oder ist die eine esoterische Spielerei? Ist der Mensch ein Zufall der Evolution? Nehmen wir uns als Menschen zu wichtig oder sind wir Teil eines Plans des Allmächtigen Baumeisters aller Welten? Wenn Indianer und Buddhisten, Christen, Moslems Juden und Hindus an ein „Wesen außerhalb unseres Seins“ glauben, muss dann nicht etwas dran sein? In vielen Kulturen gibt es die Vorstellung, dass der Mensch weiter lebt. „Er lebt im Sohne“ heißt es bei den Freimaurern. Gibt es bei Freimaurern ein Jenseits, eine Hölle, ein Paradies oder ein Fegefeuer? Und was wäre das dann?

Für mich als naturwissenschaftlich geprägten Menschen ist der Mensch ein rein biologisches Wesen und es gibt keinen tieferen Sinn für seine Existenz. Bestenfalls die Erhaltung seiner Art im Rahmen der Evolution ist ein höherer Sinn. Wenn der Mensch Hirntod ist, dann ist er in meinen Augen Tod. Punkt. Das ist dann z.B. hilfreich für Menschen, denen man z.B. mit einer Lungentransplantation helfen kann. Für mich gibt es da keinen Spielraum für religiöse oder esoterische Spekulationen. Religionen sehen das anders und das ist auch ok so. Wer eine Religion braucht, der ist mit den Vorstellungen eines Paradises ja gut unterwegs. Ob das nun „Vernünftig“ ist oder nicht. Für Ihn ist das hilfreich und das zählt. Die Vorstellung von Gott ist beruhigend und psychisch entlastend. Die Angst in die Hölle zu kommen, ist ein „Kollateralschaden der Religion“. Ist es Regression, wenn eine fürsorgliche Macht für mich entscheidet?

Nehmen wir das Gebet Bonhoeffers im KZ:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen,

Erwarten wir getrost, was kommen mag.

Gott ist bei uns am Abend und am Morgen

Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Ist es nicht wunderbar wenn Menschen in Zeiten größter Not Tost im Glauben finden können? Nun findet in der westlichen Welt aber zunehmend eine Entfremdung von Religion statt, während andererseits die Religionen weltweit wachsenden Zulauf verzeichnen. Für Theorien, die eine rein materialistische Daseinsform verneinen, will der aufgeklärte Mensch heutzutage Beweise. Der von der Religion abverlangte „Glaube“ an etwas praktisch nicht Beweisbares ist heute für viele Menschen nicht mehr zeitgemäß. Zudem scheint auf den ersten Blick logisch, dass aufgrund der Vielzahl unterschiedlicher Glaubenssysteme die meisten irren müssen, wenn nicht alle.

Trotz ihrer „Aufgeklärtheit“ sind aber viele Menschen innerlich zerrissen, denn tief in ihnen nagt etwas, das sie nicht verdrängen können. Es ist die Unmöglichkeit der Vorstellung, NICHT ZU SEIN. Und es ist die immerwährende, bohrende Frage nach dem Sinn unseres Daseins, das auch die Medizin schlicht nicht beantworten kann. Spätestens im Angesicht unseres Todes werden wir uns fragen: wozu war das ganze eigentlich gut, und – was erwartet mich jetzt?

Kann Freimaurerei hier eine Antwort geben? Schau in dich, schau um dich schau über dich. Ist der Transzendenzbezug in der Freimaurerei noch zeitgemäß? Brauchen wir noch das Symbol des Allmächtigen Baumeisters aller Welten? Was sagt der mir den heute noch. Freimaurerei ist bei aller Weltfreimaurerei doch eine ziemlich bürgerliche, westeuropäische Angelegenheit. Zumindest in der Tradition der bürgerlichen Freiheiten, der Menschenrechte und der Humanität im westlichen Sinne. Müssen wir uns nicht öffnen gegenüber asiatischen, afrikanischen Vorstellungen und anderen Kulturen? Ist unser Verständnis von Freimaurerei das richtige? Was pflegen wir im Ritual? Ist die Erhebung eine Wiedergeburt die mir etwas bringt?

Ich glaube, dass viele Menschen nur deshalb an Gott glauben, weil sie nicht akzeptieren können sterben zu müssen. Sie sind unsicher, ob danach nicht doch noch etwas kommt, haben Angst vor dem Tod und suchen Halt in der Religion. Nun wissen wir zwar in der Regel, dass ein personales Weiterleben nach dem Tode mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen ist, andererseits wollen wir es nicht wahrhaben. Woody Allen hat diese moderne Haltung zum Ewigen Leben schön zum Ausdruck gebracht als er sagte: „Ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod, aber für alle Fälle nehme ich immer Unterwäsche zum Wechseln mit“.

Die Vorstellung von Himmel und Hölle ist in einer säkularen Welt wie der unseren nicht mehr sonderlich populär. Die meisten Menschen in Deutschland nehmen, wenn sie denn überhaupt noch einer Konfession angehören, ihre Religion nicht mehr so bierernst. Für meine Mutter war das noch anderes. Sie hatte Angst vor der Hölle und sie wollte in den Himmel kommen. Ich wünsche Ihr von Herzen, dass ihr das gelungen ist. Das aber selbst Kirchen Ihre Höllendrohungen nicht mehr ernst nehmen, kann man der Aussage von Wolfgang Huber dem ehemaligen Vorsitzenden der evangelischen Kirche entnehmen, der in einer Talkshow einmal sagte, dass die Hölle zwar existiere, aber „leer“ sei. Solche Aussagen sind sympathisch, aber für die Glaubensfestigkeit der Kirchenmitglieder problematisch. Der Gott der keiner Fliege mehr etwas zuleide tut, ist nicht wirklich ernst zu nehmen, ja er spielt im Alltag der Menschen keine Rolle mehr. Interessanterweise gibt es ja eine Gegenbewegung. In der USA z.B. glaubt die Mehrheit der Bevölkerung noch an die reale Existenz von Teufel und Hölle.

Nun gibt es zweifellos ein Leben vor dem Tod. Warum sollte ein Homosexueller darauf verzichten seine Neigungen auszuleben, wenn dies keine Folgen für Ihn und seine Sexualpartner hat? Wenn sich Menschen also solchen Glaubensregeln unterwerfen, dann nur weil sie mit Höllenstrafen bei Übertretung der Regeln rechnen müssen. Nicht umsonst werden die Höllenstrafen in der Bibel oder im Koran so drastisch formuliert. Nur wer viel zu verlieren hat reißt sich am Riemen. Der Glaube an den netten Kumpel Gott, der mir nach einer Beichte alles verzeiht, „et Herrjötche“ wie der Rheinländer sagt, bringt mich nicht dazu Glaubensregeln zu befolgen, deren Sinn ich ohnehin nicht einsehe.

Nun stricken viele moderne Menschen in der säkularen Welt sich ihren lieben Gott wie es ihnen gerade passt. „Mit dem lieben Gott kämme ich schon klar, wenn da nur nicht das Bodenpersonal vom lieben Gott wäre“ sagte meine Tante Käthe immer. Moderne Theologen verzichten heutzutage gerne auf die Formulierung von der ewigen Verdammnis. Ja es ist ihnen oft peinlich, wenn man sie darauf hinweist, dass Jesus im Neuen Testament immer wieder mit dem Höllenfeuer droht, mit dem Ofen in den die Sünder geworfen werden und in dem sie ewig brennen müssen. Das wird heute selten gepredigt, weil moderne Prediger wissen, dass eine Drohung mit ewigen Qualen bei aufgeklärten Menschen unglaubwürdig klingt. Darüber hinaus ist es m.E. unethisch, denn kein Verbrechen kann so schlimm sein, das ewige Qualen gerechtfertigt wären. Auch unsere Eide die wir Freimaurer jedes Mal bekräftigen wenn wir „Im Zeichen“ stehen, sind ja nur noch symbolisch zu verstehen.

Zweifel an ein Leben nach dem Tode und die Existenz Gottes haben viele bekannte Philosophen gehabt. Der bekennende Atheist Bertrand Russel wurde einmal gefragt, was er denn sagen würde, wenn er nach seinem Tod an der Himmelpforte plötzlich doch Gott gegenüberstünde. Er antwortete: „You simply did not give us enough evidence“.

Blaise Pascal, der Vater der Wahrscheinlichkeitsrechnung, hingegen war ein sehr frommer Mann. Er hatte, wie er meinte, einen mathematisch überzeugenden Grund für seine Frömmigkeit gefunden. Die berühmte Pascalsche Wette: Er meinte, dass einer der auf Gott und das ewige Leben wette nur gewinnen könne, während ein Ungläubiger nur verlieren könne. Er berechnete 4 Gewinn und Verlustrechnungen für Gläubige und Ungläubige.

  1. Du glaubst an Gott und er existiert wirklich. 1:0 für den Glauben. Du hast den gewonnen und kommst in den Himmel.
  2. Du glaubst an Gott, aber er existiert nicht. Macht nichts. Du hast dich zwar geirrt aber du bist Tod und du hast auch nichts verloren. Es bleibt beim 1:0 für den Glauben.
  3. Du glaubst nicht an Gott und er existiert auch nicht. Du hast zwar Recht, aber du bist immer noch Tod. Es bleibt beim 1:0 für den Glauben.
  4. Du glaubst nicht an Gott aber er existiert. Jetzt hast Du Pech gehabt und kommst in die Hölle. Jetzt steht es 2:0 für den Glauben. Nach Pascal ist es vernünftig an Gott zu glauben selbst wenn es noch so unwahrscheinlich ist.

 

Nun hat diese schöne Rechnung einige Fehler. Die Ausgangsbedingung ist der christliche Gott. Was ist mit polytheistischen Hindus? Dann käme es sofort zu einem 0:0 Unentschieden. Schließlich dürfte es Shiva, Wischnu und Brahma ziemlich egal sein, ob man zeit seines Lebens an die Auferstehung eines jüdischen Wanderpredigers Namens Jesus glaubte oder nicht. Man könnte sogar mit gleichem Recht die Existenz eines antichristlichen Gottes annehmen, der sich einen Spaß daraus macht, Atheisten in den Himmel und Christen in die Hölle zu verfrachten. Schon wären Papst Franziskus und Blaise Pascal auf der Verliererstraße und es stünde 0:2. Wenn es Himmel und Hölle wirklich so gäbe, wie der rührend naive Glaube meiner geliebten Mutter vorsah, wäre es unter diesen Umständen gerechtfertigt, zu Kreuze zu kriechen während der Rest der Menschheit im ewigen Feuer brät? Ein solches Mitläufertum ließe sich ethisch gar nicht rechtfertigen. Denn einer Religion die mit ewigem Höllenfeuer droht, darf man sich als denkender Mensch nicht unterwerfen. Deshalb hat meine Mutter auch mehr nach dem Herzen geschaut und es akzeptiert, als beide Ihre Kinder andersgläubige heirateten.

Oder um es mit einem tiefgründigen Scherz des Kölner Kabarettisten Jürgen Becker zu sagen: „Humor ist wenn man trotzdem lacht. Philosophie ist wenn man trotzdem denkt. Religion ist wenn man trotzdem stirbt“.

 


 

Quellen: Michael Schmidt-Salomon, Hans-Hermann, Lothar, Walter, Thomas, Viktor, Tante Käthe und Mutter.

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