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Hans-Hermann
Höhmann
Ein
Komponist in der Loge –
Albert Lortzing und die Königliche Kunst
Freimaurerei versteht sich als eine
„Königliche Kunst“. Früh schon in ihrer Geschichte, zu Beginn des 18. Jhdt.,
entstand in den Logen – sowohl im Denken als auch in der kommunikativen
Praxis der Brüder und oft eher in spontan gefunden als bewußt entworfen –
das Ideal eines guten moralischen Lebens, die Vision eines auf brüderlichem
Miteinander beruhenden menschlichen Glücks.
In seiner Umsetzung in die Logenpraxis verband dieses Konzept in sehr
unterschiedlicher nationaler und regionaler Ausprägung drei Elemente
miteinander – Geselligkeit, aufklärerisches Denken und christlich
orientierte, aber doch autonome Religiosität – und fand in der Metapher
vom „Tempelbau der Humanität“, an dem der Freimaurer arbeitet und der von den
drei Säulen Weisheit, Stärke und Schönheit getragen wird, seinen symbolischen
Ausdruck.
Nicht zuletzt für Künstler war die
Freimaurerei von Anfang an attraktiv. Das Wechselspiel der Formen und Ideen
beflügelte ihre Phantasie, und die Sozialform Loge vermittelte ihnen sozialen
Halt in einer durch Auflösung des barocken Standesgefüges unsicher gewordenen
gesellschaftlichen Umwelt. Umgekehrt interessierten sich die Logen schon früh
für die Künstler, die schöpferisch-gestaltenden ebenso wie die ausführenden.
Denn Geselligkeit und Ritual bedurften des Form gebenden und Stimmung
vermittelnden Faktors Kunst. Formen und Inhalte, Emotionalität und
Rationalität, Esoterik und Exoterik, Symbole und Gedanken – dies alles
bestimmte in unterschiedlichen Mischungen die Vielschichtigkeit der
„Königlichen Kunst“ und verlieh der Freimaurerei eine bis heute fortwirkende,
gleichsam „gesamtkunstwerkliche“ Qualität.
Auch die Musiker fühlten sich von
freimaurerischer Idee und Logenpraxis angesprochen und wurden ihrerseits auch
von den Logen gesucht. Dies gilt für das 18. Jhdt. ebenso wie für das 19.
Jhdt., als sich mit der Konsolidierung der bürgerlichen Gesellschaft auch eine
neue Ästhetik durchsetzte, die als „Ästhetik bürgerlicher Geselligkeit“ auch in
den Freimaurerlogen fest verankert war.
Doch so wichtig das Verhältnis zwischen
Freimaurerei und Kunst im allgemeinen und zwischen Freimaurerei und Musik im
besonderen auch ist, und wie sehr ich später ausführlicher darauf
zurückzukommen habe: Höflichkeit und Brüderlichkeit gebieten es, zunächst vom
Komponisten und Logenbruder Albert Lortzing zu sprechen.
Ich kann dies auf solider Grundlage tun,
weil durch neuere Untersuchungen, insbesondere durch die Arbeiten von Walter
Dietrichkeit,
all das analytisch aufgearbeitet ist, was man nach Lage der Quellen heutzutage
über den Freimaurer Lortzing wissen kann.
Lortzing gehörte mehr als die Hälfte seiner
Lebenszeit dem Bunde an. Seine Logenaktivitäten spiegeln die verschiedenen Stationen seiner
Berufskarriere wider. Lortzings Präsenz in der Loge war unterschiedlich
intensiv, riß jedoch niemals gänzlich ab. In den Bund aufgenommen wurde
Lortzing – nicht einmal 24-jährig – am 3. September 1925 in der
Aachener Loge „Zur Beständigkeit und Eintracht“. Dort erfolgte am 19. August
1826 auch seine Beförderung zum Freimaurer-Gesellen. Von 1827 bis 1832, als
Lortzing Mitglied des Detmolder Hoftheaters war, besuchte er von dort aus die
Logen „Zum goldenen Rade“ in Osnabrück und „Zu den drei Balken des neuen Tempels“
in Münster. Nach Lortzings beruflichem Wechsel nach Leipzig – als
„Mitglied und Opern-Regisseur beim Stadttheater“ wie die Logenakten verzeichnen
– nahm ihn die dortige Loge „Balduin zur Linde“ am 28. Januar 1834 als
Gesellen an. Den abschließenden Meistergrad der Freimaurerei erreichte Lortzing
erst relativ spät, wobei Datum und Ort umstritten sind. Der 4. Dezember 1845
bei der Loge „Agrippina“ in Köln (das wäre vor Lortzings Wechsel nach Wien
gewesen) und der 13. Dezember 1849 in Leipzig (d.h. nach Lortzings Rückkehr)
werden in der Forschung als die wahrscheinlichsten alternativen Zeitpunkte
genannt. Insbesondere das letzte Datum würde Lortzings freimaurerisches Engagement bis zu seinem Lebensende im
Januar 1851 belegen.
Lortzing trug immer wieder als Komponist
und ausführender Künstler zum Logenleben bei, wobei bedauerlicherweise nicht
alle seiner freimaurerischen Kompositionen erhalten sind. Besonders bekannt wurden die der Loge „Zum goldenen Rade“ in Osnabrück im Jahre
1829 gewidmeten „Acht Lieder mit Begleitung des Klaviers“, von denen wir
anschließend drei Beispiele hören, sowie die zur Hundertjahrfeier der Leipziger
Loge „Minerva zu den drei Palmen am 20. März 1841 komponierte Kantate „Hört!
Des Hammers Ruf ertönet“.
Doch Lortzing bereicherte das musikalische
Leben der Logen nicht nur durch masonische Originalkompositionen. Auch die
Verwendbarkeit seiner schnell populär gewordenen Opernmelodien für Logenzwecke
stellte sich bald heraus. Schließlich mußten ihnen bei ihrer liedhaften
Sangbarkeit nur neue, freimaurerische Texte unterlegt werden. Am bekanntesten
ist hier – natürlich, möchte man fast sagen – das Zarenlied „Einst
spielt ich mit Zepter, mit Kron‘ und mit Stern“ aus „Zar und Zimmermann“
geworden, das nach Meinung einiger Lortzing-Autoren gar umgekehrt als ein
Logenlied entstanden ist, dessen Melodie der Komponist dann später in die Oper
übernahm. Der freimaurerische Text spiegelt auf anschauliche Weise Ideenwelt
und Stimmung, Ethos und Pathos der Freimauerei. Dies geschieht sicher nicht mit
Worten vom Range hoher klassischer deutscher Poesie. Die eher bemühten als
gekonnten Verse sind jedoch recht kennzeichnend für den gedanklichen und
gefühlsmäßigen Ausdruck, den die Freimaurerei im geselligen Milieu der
Bürger-Brüder fand, und der im übrigen ja auch bereits die sprachlich eher
schlichten Texte zu Mozarts Freimaurerkantaten gekennzeichnet hatte. Hier hier
eine Kostprobe – gleichsam zum inneren Mitsingen der mit der Zarenmelodie
sicher gut vertrauten Zuhörer:
Zwei Sterne, hoch oben am himmlischen Zelt
Erleuchten, bestrahlen, beglücken die Welt.
Die Freundschaft, die Liebe, dem Maurer bekannt
Verbinden die Herzen und knüpfen das Band.
Steht Freundschaft und Liebe im engen Verein,
dann selig, dann selig ein Maurer zu sein.
Was mag einen Mann, einen Künstler wie
Lortzing an der Freimaurerei angezogen haben? Unter den Stichwörtern
„Geselligkeit“, „Ideenwelt“ und „Stimmung“ möchte ich einige Gedanken vom
Beginn meines Vortrags aufgreifen und im Kontext einer generellen Skizzierung
des Verhältnisses von Freimaurerei und Musik weiterführen.
Die Logen waren Treffpunkte der sich
herausbildenden und konsolidierenden bürgerlichen Gesellschaft. Dies gilt in
unterschiedlichen nationalen und regionalen Ausprägungen sowohl für das 18. als
auch das 19. Jhdt. und ist im Kern bis heute so geblieben. Die Logen waren
dabei geradezu als Formen einer Alternativ-Gesellschaft entstanden. Die
Auflösung der Ständegesellschaft, die zunehmende regionale Mobilität, die
wachsende soziale und weltanschauliche Autonomie der Menschen – und das
heißt im historischen Zusammenhang zunächst der Männer –, die neuen
aufklärerischen Denkfiguren, die Sehnsucht auch nach einer freieren,
undogmatischen Religiosität, die einem optimistischen Lebensgefühl und einer rituellen
Bekräftigung von Wert und Würde des Menschen Raum gab, die Hoffnung schließlich
auf politische Freiheit und nationale Einheit – all das mischte sich im
Denken und Fühlen der Freimaurer, machte die Freimaurerei zu einer „Enklave
bürgerlichen Gemeinsinns“ (so Jürgen Habermas) und ließ die Loge zum
„bedeutsamsten Sozialinstitut der moralischen Welt des 18. Jhdt.“ (Reinhart
Koselleck) werden. Die Logen gaben sich ihre eigenen kommunikativen Codes,
überhöhten ihre Ideenwelt durch Rituale und Zeremonien und schufen ihre eigenen
sozialen Hierarchien. Sie schlossen sich einerseits durch das
berühmt-berüchtigte Freimaurergeheimnis gegenüber Nicht-Mitgliedern ab, waren
andererseits aber doch offen „für immer neue Menschen“ – wie es im Ritual
heißt – und für die Probleme ihrer Zeit. Offen-Sein für Zeitprobleme
bedeutete zu Lortzings Zeiten vor allem eine deutliche Affinität der deutschen
Freimaurer zur National- und zur politisch-sozialen Reformbewegung. Die starke
Repräsentanz von Freimaurern im Frankfurter Paulskirchenparlament ist hierfür
ein deutlicher Beleg. Und auch in Lortzings Werken, auch seinen
freimaurerischen, finden sich klare Bezüge zu Sozialreform und nationaler
Einigungsbewegung.
Die Welt der Logen war – so konnte
bereits festgestellt werden – ein Magnet für Künstler, darunter auch für
viele Musiker, und hier wiederum vor allem für die geselligen unter ihnen.
Lortzing war nun offenbar – wie vor ihm auch Mozart – ein in
besonderem Maße geselliger Mensch. Wie sehr Lortzing der in den Logen heimischen
„Kultur der Geselligkeit“ entsprach, läßt beispielsweise die Charakterisierung
seines Leipziger Theater-Kollegen Düringer erkennen, der Lortzing aus nächster
Nähe mit Worten beschreibt, die über eine lediglich künstlerische Einschätzung
in bezeichnender Weise hinaus gehen: „Ohne eigentlich ausgeprägte Stimme war er mit seinen musikalischen Kenntnissen
und Talenten stets in der Oper verwendbar, namentlich für Spielpartien. Sein
liebenswürdiges, einnehmendes Äußeres kam ihm auf der Bühne sehr zu statten.
Eine schlanke Mittelfigur mit dunkellockigem Haar, freundlichem schönen
Angesichte; seine hübschen dunklen Augen, heiter lebendig; seine ganze Erscheinung,
sein ganzes Wesen voll Frohsinn und Laune, gewandt und gefällig, so auf der
Bühne wie im Leben, verfehlte da wie dort niemals den angenehmsten Eindruck.“
Lortzings Hang zur Geselligkeit wird auch
durch seine Mitgliedschaft in anderen gesellschaftlichen Vereinigungen belegt, etwa in der Leipziger Tunnelgesellschaft, einer literarisch-artistischen Gruppierung,
deren Name sich scherzhaft auf den zu jener Zeit aufsehenerregenden Bau des
Londoner Themse-Tunnels bezog. Auch war Lortzing Mitgründer des Leipziger
Schillervereins. In Wien, wo Lortzing ab 1846 tätig war, und wo zu dieser Zeit
Freimaurerlogen verboten waren, gehörte der Komponist ebenfalls zwei
gesellig-kulturellen Vereinigungen an, der der späteren „Schlaraffia“
ähnlichen, humoristisch angelegten „Rittergesellschaft“, wo Lortzing sich nach
eigenen Worten „oft und sehr amüsierte“ und für die er auch komponierte, sowie
der „Concordia“, einer Künstler- und Literatenvereinigung, die der Komponist
allerdings weit weniger schätzte und nur selten besuchte.
Ausgesprochene Berufsinteressen und
Hoffnungen auf lohnende Verbindungen dürften Lortzing kaum in die Logen und die
anderen Vereinigungen geführt haben, wohl aber das Bedürfnis einer tragenden
freundschaftlichen Einbindung, ein Bedürfnis, das aufgrund des Wechsels der
Künstler von Ort zu Ort und der oft schwierigen und labilen
Beschäftigungsverhältnisse durchaus verständlich ist. Mit dem Typus des freischaffenden Künstlers, wie er im 18.
Jhdt. entsteht, verbindet die Sehnsucht nach einer neuen Dazugehörigkeit, wie
sie auch schon Mozart in seine Wiener Loge geführt hatte. Wie Mozart konnte
sich auch Lortzing in der Loge zu Hause fühlen, zumal die Geselligkeit der
Freimaurerei im 18. und im 19. Jhdt. viel mehr als in späteren Zeiten eine
ausgesprochen musikalische Geselligkeit war.
Früh schon wurde in den Logen musiziert und
gesungen, zuerst beim heiteren Beisammensein nach der rituellen Arbeit, später
– vor allem seit der zweiten Hälfte des 18. Jdts. – auch im Ritual.
Die Lieder bei der Tafel waren zunächst oft freimaurerisch adaptierte
Volkslieder, teilweise sogar ausgesprochene Gassenhauer. Zeitgenössischen
Zeugnissen zufolge waren die frühen Freimaurer durchaus lustige Brüder, Männer,
die schon einmal über die Stränge schlugen, wie etwa der Maler und
Kupferstecher William Hoghart – selbst Freimaurer – auf seinem
Stich „Nacht“ aus dem bekannten Tageszeitenzyklus zeigt, wo eine empörte
Bürgerin über dem lärmend nach Hause schwanken Freimaurer gar das Nachtgeschirr
entlädt. Schon der Autor der Konstitutionsurkunde der englischen Freimaurer
– der sog. „Alten Pflichten“ aus dem Jahre 1723 – fühlte sich daher
zu Ermahnungen veranlaßt. Im Abschnitt „Vom Betragen, wenn die Loge vorüber
ist, die Brüder aber noch nicht auseinander gegangen sind“ findet sich das
folgende Monitum: „Ihr mögt Euch in unschuldiger Lust ergötzen und Euch einander nach Kräften
bewirten. Ihr müßt aber jede Ausschweifung vermeiden und keinen Bruder zwingen,
über seine Neigung zu essen und zu trinken, oder ihn am Weggehen hindern, wenn
ihn seine Angelegenheiten abrufen“, und in einem um die Wende vom 18. zum 19.
Jhdt. entstandenen Berliner Freimaurerlied wird die Tugend der Zurückhaltung
gar besungen:
„Tobend schwärmen, taumelnd lärmen
darf der Maurer nicht;
sich mit Anstand freuen, Lasterfeste scheuen
ist des Maurers Pflicht.“
Freimaurerei als alternative Geselligkeit
zur bisher dominierenden höfischen Festkultur mußte offensichtlich erst ihre
Formen und Regeln finden, was dann vor allem mit den Tafellogen-Ritualen
geschah, die seit Mitte des 18. Jhdt. in Frankreich entstanden und bald nach
Deutschland übernommen wurden. Tafellogen schließen sich gewöhnlich an
Aufnahmearbeiten an oder werden an besonderen Festtagen der Loge (Johannisfest,
Stiftungsfest, Logenjubiläum) abgehalten. Bis in das frühe 20. Jhdt. hinein waren sie von maurerischer Musik, Instrumentalkunst
oder Chorgesang der Loge begleitet, weshalb die Tafelmusik oft sehr reichhaltig
war. Für die große Rolle der Musik bereits vor der Tafellogenzeit mag ein
Bericht über das Johannisfest der Bayreuther Loge „Zur Sonne“ im Jahre 1753
zeugen, in dem es heißt: „Daraufhin brachte man eine Reihe weiterer
‚Gesundheiten‘ aus, allesamt begleitet von Kanonendonner und vom Schein der
Feuerwerkskörper und unterbrochen nur von Freimaurerliedern und den Takten der
Hofkapelle“. Was das Verhältnis zwischen Loge und Hof betrifft, so fand – wie Norbert Schindler herausgearbeitet hat – offenbar im Ringen um neue Formen der Geselligkeit
„hinter den Kulissen wohlabgewogener festlicher Harmonie...ein Machtkampf um symbolische
Positionen statt, in dem die Freimaurerloge die Mittel der traditionellen
Kultur aufgreift, um sie gegen diese einzusetzen“.
Doch die Freimaurer waren nicht nur heiter
und gesellig, sie waren auch ernsthaft und besinnlich, und dieser Wesenszug hat
sich gleichfalls in der freimaurerischen Musik niedergeschlagen. Zunächst
wurden Kirchenliedern oder Huldigungs-Hymnen freimaurerische Texte unterlegt.
Die englischen Brüder Freimaurer sangen beispielsweise nach der Melodie von
„God save the King“ den Text „Hail masonry devine“. Nachdem die Musik zu einem festen Bestandteil auch der freimaurerischen Rituale
geworden war, stieg die Zahl der Kompositionen für den Logengebrauch stark an.
Freimaurerische Musik mußte produziert und
aufgeführt werden, und so regte sich schon bald nach dem Entstehen der modernen
Freimaurerei durch die Gründung der Londoner Großloge im Jahre 1717 das
Interesse der Logen, Musiker in ihre Reihen aufzunehmen. Es entstand die
Kategorie der „Musikalischen Brüder“, die sich für Komposition, Arrangement und
Ausführung von Ritual- und Tafelmusiken zur Verfügung stellten und in einzelnen
Logen einem eigenen Musikmeister unterstanden, der wiederum dem Vorstand der
Loge, dem sog. „Beamtenrat“ angehörte. Offensichtlich gab es Chorsänger und
Instrumentalisten in den Logen, viele Logen verfügten zumindest über Pianisten
und Streichquartette, zu Beginn des 20. Jhdts. erfreute sich das Bläserquartett
Dresdner Freimaurer nachgerade überregionaler Berühmtheit, und bis in die
Gegenwart hinein gehören bekannte Opernsänger zu den musikalischen Brüdern. Die
Logen veranstalteten auch Konzerte für das allgemeine Publikum und trugen auf
diese Weise oft wesentlich zum Kulturleben der Städte bei. Die erste Mitteilung
über die Aufnahme eines Musikers findet sich übrigens in den Protokollen der
„Witham Lodge“ im englischen Lincoln bereits am 2. Januar 1732, wo es heißt: „Br. Every empfiehlt Mr. Stephan Harrison aus London, Musikmeister, als
geeignetes Mitglied und erklärt sich bereit, eine Guinee zu den Aufnahmekosten
beizutragen... Im Hinblick darauf, daß Mr. Harrison der Loge von Nutzen sein
und zur Unterhaltung beitragen werde, beschließt die Loge, die Aufnahme für 3
Pfund, 13 Schilling, 6 Pence vorzunehmen.“
Ihren Gipfel erreichte die Freimaurerische
Musik zweifellos durch Mozart, der neben der Zauberflöte und dem instrumentalen
Höhepunkt seiner „Maurerischen Trauermusik“ eine Reihe von Einzelgesängen und
Kantaten für seine Wiener Loge komponierte. „Laut verkünde unsre Freude froher
Instrumentenschall, jedes Bruders Herz empfinde dieser Mauern Widerhall“,
dieses Textbeispiel aus der „Kleinen Freimaurer-Kantate" bezeugt Ethik und
Stimmung der Freimaurerei ebenso wie die Schlußstrophe des „Maurergesangs“, der
zum Ende der Loge gesungen wurde, und in der es heißt:
„Tugend und die Menschheit ehren,
sich und andren Liebe lehren,
sei uns stets die erste Pflicht.
Dann strömt nicht allein im Osten,
dann strömt nicht allein im Westen,
auch im Süd und Norden Licht.“
Es ist eine helle, lichte Stimmung, die
hier vermittelt wird: Die Welt ist gut, der Mensch ist gut, vom Plan der
Schöpfung her zumindest, und wenn er an sich arbeitet, wenn er den rauhen Stein
seiner Persönlichkeit formt, dann kann der Bau einer besseren Welt gelingen,
und zwar weltweit als Ausdruck einer globalen Hoffnung, denn – so heißt
es weiter:
„Es umschlinge diese Kette, so wie diese
heil’ge Stätte, auch den ganzen Erdenball.“
Ideenwelt und Stimmung der Freimaurerei
sind nun auch beim Komponisten und Freimaurer Lortzing zu entdecken. Das
Streben nach Freiheit, allgemeiner Menschenliebe und Wohltätigkeit sowie die
Affinität zur bürgerlichen Revolution spiegelte sich in seinen Werken, und zwar
nicht nur seinen Freimaurerkompositionen sondern auch in Singspielen wie
„Andreas Hofer“ und Opern wie vor allem „Regina“ – „Regina“ mit der Musik Lortzings zum Text der von Friedrich Stolze für
das Paulskirchenparlament geschriebenen Volkshymne:
„Ein Volk, ein Heer, ein Wetterschlag, nun
kommt der Freiheit großer Tag“.
Kurz: Lortzing verteidigte Ideale,
karikierte Spießbürger und besang die Konturen einer glücklichen Zeit.
Die kritischen Werke Lortzings wurden zu
Lebzeiten des Komponisten freilich auf die eine oder andere Weise Opfer der
Zensur und sind – wie insbesondere die „Regina“ – erst heutzutage
recht eigentlich wiederentdeckt worden.
Auch seine acht „Osnabrücker
Freimaurerlieder“ huldigen freimaurerischen Idealen.
Sie besingen Wohltätigkeit: „Wohltätigkeit!
Wer deinen Lohn empfand, der öffnet gern der Armut Herz und Hand“.
Sie besingen Freiheit: „Töne, mein Lied,
töne mein Lied, laß mich in kräftigen Weisen, Freiheit, die herrliche preisen,
innig durchglüht, innig durchglüht“.
Und sie besingen Freundschaft und
Geselligkeit: „Brüder hört, dies Glas vereint meiner Wünsche jeden, wie mein
Bruderherz es meint, soll die Zunge reden.“
Diese Worte sind Widerspiegelungen
freimaurerischer Ideen, doch gleichzeitig auch Ausdruck von Stimmungen: vom
„Durchglüht-sein“ ist die Rede, vom „Empfinden“, von der „Meinung des Herzens“,
die zuerst da ist und danach erst die Zunge reden läßt.
Stimmung ist nun – insbesondere Martin Heidegger hat nachdrücklich darauf
verwiesen – eine sehr ursprüngliche Seinsart des Menschen. Die emotionale
Befindlichkeit des Menschen, seine Stimmung eben, erschließt die Welt noch vor
dem theoretischen Verstehen. Stimmungen eröffnen Sinnzusammenhänge und
vermitteln Impulse zum Handeln. Insbesondere der Tübinger Philosoph und
Pädagoge von Otto Friedrich Bollnow hat dabei die Bedeutung gehobener
Stimmungen wie Glück, Freude, „Festigkeit des eignen Selbst“, Überzeugungsgewißheit,
Verbundenheit mit anderen Menschen, Getragensein, Geborgenheit und Vertrauen
für die psychische, geistige und moralische Entwicklung des Menschen
eindrucksvoll hervorgehoben, vor allem in seiner durchaus für die Freimaurerei
wieder zu entdeckenden Schrift „Das Wesen der Stimmungen“.
Das erzeugen solch guter, gehobener
Stimmungen ist nun auch ein ganz zentrales inneres Form- und Gestaltungsprinzip
der Freimaurerei, wobei die freimaurerische Musik – wie wir an den
Beispielen Mozart und Lortzing gesehen haben – wiederum in besonderem
Maße beteiligt ist. Musik gehört zur Freimaurerei und trägt sehr wesentlich
dazu bei, daß die „Königliche Kunst“ in ihrer Gesamtheit in der Lage ist, neue
Gemütslagen zu entdecken und seelische Bereiche konstruktiv zu erweitern. Musik
generiert eine festlich gehobene, eine – dennoch! – optimistische Stimmung, eine Gefühlslage,
die positive Empfindungen mit Ordnung und Maß verbindet, und die hilft, jene
„gesellige Vernunft“ zu bewahren, die seit den Tagen der Aufklärung immer
wieder kennzeichnend für die Kultur der Freimaurerei gewesen ist. Das
Herstellen von Stimmungen durch den Zusammenklang von Worten, symbolischen
Handlungen, Bildern und Musik ist wohl auch das wichtigste pädagogische Medium
der Freimaurerei in der Gegenwart. Freimaurerei bedeutet auch heute sehr
wesentlich die Einladung, sich besser zu fühlen, um die Möglichkeit zu erfahren,
besser zu werden.
Sich besser fühlen, meine Damen und Herren,
das gelingt nun leicht unter dem Eindruck der Musik des Komponisten und
Freimaurerbruders Albert Lortzing. Mir ist es jedenfalls immer leicht gefallen,
mich mit Lortzing ästhetisch zu identifizieren, dem Komponisten zuerst und dem
Freimaurer später. Den Komponisten entdeckte ich schon mit zehn, als wir
– ausgebombt in Kassel – von der kriegsbedingten
Kinderlandverschickung aus zum Exilspielort des Kasseler Staatstheaters nach
Bad Hersfeld zur ersten Oper – „Zar und Zimmermann“ – gefahren
sind. Bis heute liebe ich an Lortzing die Frische seiner Musik, einer Musik,
die auch durchaus auch emotional, ja sentimental sein kann – „lebe wohl mein
flandrisch Mädchen“ –, die aber nie billig, breit und fettig daher kommt,
eine Musik, die witzig ist, die pointieren und charakterisieren kann, die dem
wirklichen und nicht dem selbst eingebildeten Maß des Menschen entspricht (und
die das eingebildete Maß rasch zurecht stutzt), eine Musik, die „fertig wird
und die nicht schwitzt“ – hier leihe ich ein Urteil Nietzsches über
George Bizet aus –, eine Musik, die heitere und gute Gefühle weckt, eine
Musik des „guten Lebens“ eben, die schlicht zu dem paßt, was Freimaurerei sein
will: Grundlage und Anleitung für eine Lebensgestaltung, die Weisheit,
Schönheit und Stärke verbindet.
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