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Nächster öffentlicher Vortrag: 07.06.2010

Kölner Bürger im Dialog

Toleranz als politisches Prinzip und persönliche Tugend
Die Sicht eines Freimaurers

Moderne Gesellschaf­ten sind seit ihrer Entstehung pluralistische Gesellschaften gewesen. Doch in jüngster Zeit hat die Vielfalt der modernen Lebenswelten beschleunigt zugenommen. Dies gilt für die „realen Welten“ von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ebenso wie für die Vielfalt der kulturellen Ausdrucksformen, Verhaltensweisen, Lebensstile, religiösen Überzeugungen und Wertvorstellungen der Menschen. Jede moderne pluralistische Gesellschaft ist daher zugleich eine kulturell differenzierte Gesellschaft. Dies beschreibt ihr Wesen, bedeutet ihren Reichtum, ist aber auch Ursache zahlreicher Konflikte und macht eine gründliche kognitive Aufarbeitung ebenso erforderlich wie die Bereitschaft zu institutionellen Reformen und politischem Engagement der Bürger.
Notwendig ist dabei vor allem dieBewahrung und die Praktizierung von Toleranz. Toleranz ist das unverzichtbare Medium, das die verschiedenen sozialen, weltanschaulichen und ethnisch-nationalen Gruppen der Gesellschaft verträglich mitein­ander auskommen lässt und das den politischen Prozess zugleich für Innovationen öffnet.
Toleranz ist dabei nicht im Sinne von bloßer Duldung zu verstehen, sondern im Sinne einer Anerkennung des Gegenübers, die auf der Einsicht beruht, dass andere nicht nur einfach anders sind, sondern dass sie als Menschen ein Recht haben, anders zu sein, und dass gerade in einem flexiblen Miteinander abgegrenzter und doch offener Identitäten der soziale und kulturelle Reichtum (sozusagen das „Lebenselixier“) einer pluralistischen Gesellschaften besteht.
Toleranz als das ebenso grundlegende wie unverzichtbare Stilprinzip der Demokratie kann allerdings kaum politisch geregelt und durchgesetzt werden. Gewiss: der Staat hat institutionelle Voraussetzungen zu schaffen, vernünftige und verlässliche Gesetze insbesondere. Das Gelingen von Toleranz hängt jedoch weitgehend vom toleranten Verhalten enga­gierter Bürger ab. Insofern ist Toleranz nicht nur ein unabdingbares politisches Prinzip, sondern auch eine persönliche Tu­gend, die es überall einzuüben und zu praktizieren gilt.

Toleranz ist auch eine alte freimaurerische Wertvorstellung. Seit dem 18. Jahrhundert waren es nicht zuletzt Vertreter des Freimaurerbundes, die sich für einen toleranten Umgang der Menschen miteinander über nationale, religiöse und soziale Grenzen eingesetzt haben. Doch das bedeutet nicht, dass Freimaurer allein aus ihrer Tradition heraus auch heutzutage besonders viel von toleranten Prinzipien und Formen der Praxis verstünden. Auch für sie muss Toleranz wieder mehr sein, als ein „moralische Aufputz“ (so Friedrich Nietzsches kritisches Wort), und deshalb müssen auch sie erneut und ernsthaft ihren Beitrag leisten sowohl zur Verstetigung und Vertiefung der Toleranzdiskussion als auch zur Einübung einer toleranten Praxis.

 

Referent: Prof. Dr. Hans-Hermann Höhmann.